In der Praxis ist es aber doch so, dass Kinder, je jünger sie sind, desto eher bei der Mutter landen. Zumal sich klassische Wochenendväter zumindest am Anfang schwerer tun, ihre Kinder plötzlich rundum zu betreuen, wenn sie ihnen zugesprochen werden. Seit der Gesetzesänderung im Vorjahr stehen die Familienrichter nicht mehr alleine da, wenn es darum geht, über Obsorge, Unterhaltszahlungen und Kontaktrecht zu entscheiden. Mit dem neuen Gesetz wurde auch eine neue Institution geschaffen, die sie bei Bedarf bei der Erhebung der Situation unterstützen kann: die Familiengerichtshilfe. Deren Aufgabe ist es, einerseits zu klären, wie es um die beiden Streitparteien und die Kinder steht, und dem Richter damit eine Entscheidungsgrundlage zu liefern, und anderseits nachher für einen geregelten Ablauf zu sorgen. "Allerdings nur ein paar Monate lang. Auf eine langfristige Betreuung sind wir nicht ausgerichtet, da vermitteln wir an passende Einrichtungen. Wir sind jedenfalls gut ausgelastet", sagt Irene Hirsch, Aufbaukoordinatorin der Familiengerichtshilfe in Wien, zum "Wiener Journal". Sie selbst ist ausgebildete Gesundheitspsychologin und Kindergärtnerin.


Bewusst auch Männer gesucht

Bundesweit sollen ab Juli insgesamt 200 Vollzeit-Psychologen, -Sozialarbeiter und -Pädagogen bei den Familiengerichtshilfen an den verschiedenen Bezirksgerichten tätig sein. Bei der Rekrutierung der Mitarbeiter wurde Wert darauf gelegt, auch Männer einzustellen. Rund 30 sind es insgesamt geworden, und Hirsch ist froh über jeden von ihnen. "Bekanntermaßen zeichnen sich ja gerade diese Betätigungsfelder leider durch einen geringen Männeranteil aus. Bei bestimmten Problemlagen – zum Beispiel bei Vermittlungsgesprächen oder bei der Besuchsmittlung – ist es aber ein großer Gewinn, mitunter als geschlechtergemischtes Duo mit den Eltern arbeiten zu können." Und bei manchen Dingen ist es sicher von Vorteil, sie von Frau zu Frau oder eben von Mann zu Mann bereden zu können.

Die Mitarbeiter der Familiengerichtshilfe durchleuchten bei Bedarf das familiäre Umfeld, besuchen Eltern und Kinder auch daheim, fragen im Kindergarten oder in der Schule nach und führen intensive Gespräche mit allen Beteiligten – auch mit den Kindern. "Was die Kinder vor uns äußern, kann aber natürlich nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage sein", betont Hirsch, "da würden wir sie ja auch in einen Loyalitätskonflikt hineinmanövrieren." Auch Familienrichter Koppensteiner hält es für fatal, wenn Eltern ihre Kinder instrumentalisieren, um sie gegen den Ex-Partner auszuspielen. "Zum Glück schaffen es die meisten aber, das nicht zu tun." Als erfahrener Vater versucht er jedenfalls, die Kinder möglichst aus der Verhandlung herauszuhalten. "Vor allem sage ich Kindern jeden Alters, dass die Entscheidung ganz allein meine eigene ist. Und dass sie überhaupt nichts dafür können, wie ich entscheide." Wahrheitsfindung durch die einmalige Befragung von kleineren Kindern durch das Gericht  hält er ohnehin für eine Illusion. Mündige Minderjährige, also ab 14 Jahren, haben Parteistellung, und ab 10 Jahren sollten die Kinder vom Richter oder der Richterin gehört werden. "Meine Skepsis ist allerdings, dass wir Richterinnen und Richter in der Regel weder vom Rahmen noch von der zeitlichen Kapazität das notwendige Vertrauen aufbauen können – anders als die Familiengerichtshilfe oder die Jugendämter."

Deshalb lässt er generell lieber die Sozialarbeiter und Psychologen von der Familiengerichtshilfe mit den Kindern reden, "weil die mehr Zeit und auch die geeignete Ausbildung dafür haben". Die Gespräche mit den Mitarbeitern der Familiengerichtshilfe erfolgen in eigenen Spielzimmern, die einen etwas vertrauteren Rahmen bilden sollen. "Nichtsdestotrotz sind es gerichtliche Aussagen, und das sagen wir den Kindern auch", erklärt Hirsch. "Es ist eben keine Therapie und keine Beratung, sondern eine Erhebung." Trotzdem ist es auch eine Unterstützung für die Eltern. "Wir können ihnen zum Beispiel besser erklären, was gerade passiert, oder dass gewisse Verhaltensweisen ihrer Kinder im Normalfall nicht krankheitswertig sind, sondern Teil des Problems, auch verursacht durch die Ausnahmesituation, in der sie stecken. Dann tun sie als Eltern sich auch leichter, damit umzugehen." Den Kindern wiederum soll klargemacht werden, dass sie keinesfalls schuld an der Trennung der Eltern sind.