Österreichische Choreografien dominieren das heurige Programm des Festivals. Man könnte das, wenn  man nicht wüsste, dass es finanzielle Gründe dafür gibt, auch als längst überfälligen Kniefall vor der lebendigen und unverwüstlichen heimischen Tanzszene sehen.

Die Rückschau führt in die frühen 1980er Jahre, als Nikolaus Selimov gemeinsam mit Manfred Aichinger das Tanztheater Homunculus leitete. "Es gab damals keine sichtbare Tanzszene", erinnert sich Selimov, "und wir hatten das Gefühl, dass wir mit dem, was wir machen wollten, nämlich den Tanz nach unseren Vorstellungen neu zu positionieren, Pionierarbeit leisteten. Dazu gehörte auch, ein Publikum für das zu finden, wovon wir überzeugt waren." Selimov erzählt, dass er in den Anfangsjahren unglaublich viele Gespräche mit Journalisten und Medienvertretern geführt hätte, um Stimmung zu machen und Interesse zu wecken; mit Theaterintendanten, um sie zu überzeugen, dass sie ihre Spielstätten für den Tanz öffnen; mit Kulturpolitikern, um Förderungen zu erhalten für eine völlig neue Kunstsparte, nämlich den freien Tanz.

"Es war in allen Bereichen eine kräfteraubende Knochenarbeit", stellt Selimov rückblickend fest. "Aber darin lag auch die Chance. Dadurch, dass wenig vorhanden war – außer den Kompanien an der Staatsoper, der Volksoper und den Vereinigten Bühnen Wien und einigen wenigen freien Gruppen – war auch vieles möglich. Es gab einen Hunger nach Neuem und großes Interesse, und das ist ein guter Motor gewesen. Heute gibt es unglaublich vieles, und es ist für die jetzige Generation wesentlich schwerer, sich zu positionieren oder mit ihrer Kunst Aufmerksamkeit zu erregen."

Großer Erfolgsdruck

Einen wesentlichen Unterschied zu damals sieht Selimov auch darin, dass die jungen Tänzer und Choreografen in den 80er Jahren die Chance hatten, zu scheitern, auch einmal mit einem schlechten Stück auf die Bühne zu gehen, und trotzdem weitermachen konnten. "Heute lastet ein großer Erfolgsdruck auf den Jungen. Du kannst es dir fast nicht erlauben, dass auch einmal etwas in die Hose geht. Der Einstieg ist sehr, sehr hart, weil sich die kulturpolitischen und ökonomischen Bedingungen stark verändert haben. Der Überlebenskampf, sprich die Miete zahlen und die Grundkosten abdecken zu können, das ist alles viel schwieriger geworden. Die Leute brauchen heute sehr viel mehr Geld, um als Künstler überleben zu können. Da hatten wir damals sicher einen großen Vorteil. Man denke nur an die Mietpreise!" Selimov erinnert sich daran, dass er für seine erste Studentenbleibe 500 Schilling im Monat bezahlte, umgerechnet etwa 45 Euro. Er lacht: Unvorstellbar für heutige Begriffe.