Generaldirektor Christian Köberl (links) und der Kurator der Meteoritensammlung, Franz Brandstädter, sind stolz auf den Mars-MeteoritenTissint. - © APA/ROLAND SCHLAGER
Generaldirektor Christian Köberl (links) und der Kurator der Meteoritensammlung, Franz Brandstädter, sind stolz auf den Mars-MeteoritenTissint. - © APA/ROLAND SCHLAGER
In den meisten Steinmeteoriten bestechen millimeterkleine Kügelchen - die Chondren; sie erstarrten, nachdem ein Hitzeblitz umstrittenen Ursprungs sehr junge Staubkörner im All nochmals kurz schmelzen ließ. Ihretwegen taufte man die größte Meteoritengruppe "Chondrite": Sie müssen von den kleinsten Himmelskörpern stammen. In den dunklen kohligen Chondriten, einer an Kohlenstoff und Wasser reichen Untervariante, findet man sogar Aminosäuren - was Spekulationen über die Herkunft des irdischen Lebens anfachte.

Gürtelmilieu. Vor seiner Haustüre vereitelte der Gasriese Jupiter die Bildung eines weiteren Planeten. Dort blieben hunderttausende Kleinplaneten ("Asteroide") mit Durchmessern zwischen einem und knapp 1000 Kilometer zurück. Die kleineren erwärmten sich beim Zerfall radioaktiver Isotope auf ein paar hundert Grad Celsius und gingen so nur eines Teils ihrer Chondren verlustig. Mächtigere Welten ab wenigen hundert Kilometern Radius schmolzen hingegen völlig auf, was sämtliche Chondren zerstörte. Diese Himmelskörper erhielten einen differenzierten Aufbau mit einem Nickeleisenkern und einem steinernen, chondrenlosen Mantel.

Im Kleinplanetengürtel geschah dies zum Beispiel mit der Vesta; weiter innen mit den Planeten Mars, Erde, Venus und Merkur sowie mit dem Erdmond. Gewaltige Einschläge auf diesen Welten katapultierten Oberflächenmaterial ins All. Deshalb besitzen wir auch chondrenlose Meteorite, von Brezina einst "Achondrite" getauft: von der Vesta, vom Mars, vom Mond sowie von mehreren bislang nicht identifizierten Kleinplaneten. Solche Bodenproben ließen sich sonst bestenfalls mit kostspieligen und schwierigen Weltraummissionen erbeuten.

Zurück ins Asteroidenreich: Heftige Zusammenstöße zwischen Kleinplaneten zersplitterten die chondrenreiche Urmaterie kleinerer Welten, aber auch die bereits achondritischen Steinmäntel und sogar die Eisenkerne mächtigerer Unfallpartner: Früher verwendeten Menschen Eisenmeteorite, um Messer, Schaber, Äxte oder Hämmer herzustellen. Die meisten zeigen die Widmanstättensche Struktur.

Höllenritt

Gelangen die Bruchstücke kosmischer Kollisionen ins innere Sonnensystem, steht ihnen mitunter die Erde im Weg. Die Sendboten tauchen dann mit 43.000 km/h und mehr in die Lufthülle und erfahren darin eine radikale Abbremsung. 100 Kilometer über Grund hüllt sie ein leuchtender Ball erhitzter Luft ein, formt eine weithin sichtbare Feuerkugel. Das Antlitz der Eindringlinge schmilzt in dieser Gluthölle, Schmelztröpfchen zeichnen eine Rauchspur ans Firmament. Etliche Geschoße zerplatzen: Dann spritzen Lichtfunken weg, begleitet von gewehrartigem Knattern. Schließlich gehen die Außerirdischen, nun in eine dunkle Schmelzkruste gekleidet, in den freien Fall über; sie schlagen mit rund 160 km/h am Boden auf.

Nur die extrem seltenen, wirklich riesigen Kaliber werden von der Lufthülle nicht effizient genug abgebremst. Sie nehmen ihre kosmische Geschwindigkeit bis zum Erdboden mit. Die ungeheure Bewegungsenergie entlädt sich am Einschlagspunkt, sprengt einen Krater in die Landschaft. Er verwittert in geologischen Zeiträumen. Dann künden nur noch bestimmte Veränderungen im irdischen Gestein vom einstigen Einschlag, dem Impakt. Der hat den Erdboden gleichsam durchgerührt, Material aus unterschiedlichen Tiefen in sogenannten "Impaktbrekzien" vereint. Extreme Hitze ließ Materie schmelzen und zu Impaktgläsern erstarren.

Manchmal jagte ein Teil der glühenden irdischen Schmelze dutzende Kilometer hoch und stürzte anderswo als Glasregen herab. Der Wiener Franz Eduard Suess taufte solche Objekte einst "Tektite" (griech. "tektos", "geschmolzen"): Jene aus Texas und Georgia entstanden vor 35 Millionen Jahren mit dem Chesapeake-Bay-Krater. Der Österreicher Christian Köberl half 1996 mit, diese längst von Sedimenten zugedeckte, 85 Kilomter weite Narbe als größten Einschlagskrater der USA zu identifizieren. Er leitete auch weitere Bohrungen - etwa am Bosumtwi-Krater in Ghana, von dem die Tektite der Elfenbeinküste stammen.

Köberl zählt zu den erfahrensten Meteoriten- und Impaktforschern. Seit zwei Jahren leitet er das NHM. Er weiß, welche Gratwanderung jede Modernisierung an einem derart historischen Ort darstellt. Dennoch will er Informationen für die Besucher aufbereiten und Blickfänge setzen. Im Meteoritensaal werden die altehrwürdigen Pultvitrinen mit ihrer systematischen Schausammlung durch Monitore ergänzt: Die vermitteln Wissenswertes zur Meteoritenkunde und zur Wiener Sammlung. An den Wänden erklären Medienstationen die Entstehung des Sonnensystems oder der Impaktkrater. Der Marsmeteorit Tissint erhält einen Ehrenplatz. Wie gut die Neugestaltung gelingt, können Besucher ab dem 13. November überprüfen.

Internet: www.himmelszelt.at

Artikel erschienen am 10. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S.10-13