Gabriel Baradée gibt sich gerne geheimnisvoll und intellektuell. So nennt er sein Label "Shakkei", und keiner weiß, was das bedeutet. Es sei denn, er kann Japanisch. Gabriel Baradée kann es, weil er ein fertiges Japanologiestudium absolviert hat. Aber die Erklärung, die er für Shakkei anbietet, befriedigt dennoch nicht ganz: Garten als Landschaftshintergrund. Auf die Frage, wie ein Garten das sein kann, da er doch an sich schon Landschaft, gestaltete zwar, aber eben Landschaft sei, korrigiert Baradée sich ein wenig: Er verstehe den Garten als inszenierte Landschaft. Und das sei auch die Mode. Versteht man den menschlichen Körper als Landschaft, auf der man, nämlich Gabriel Baradée, seine Mode inszeniert, drapiert, dann kann auch der Japanlaie mit dem Begriff etwas anfangen.

Verifizierung

Blickt man sich in dem kleinen Atelier um, das zugleich Verkaufsraum ist, so verspürt man einen deutlichen Hang zur Sparsamkeit. Nicht zur materiellen, sondern zu einer Sparsamkeit, die mit Raum, Platz und Dekor bedachtsam umgeht. Und auch ein gehöriges Understatement. Hier schreit nichts: Ich bin der große Designer. Im Gegenteil. Die zweiundeinhalb Auslagen in der vom Verkehrslärm beherrschten Spittelauer Lände passen sich gut an die Nüchternheit der Straße an – es gibt sie nämlich gar nicht. Deshalb nicht, weil die Fenster bis in die Augenhöhe mit weißem Papier zugeklebt sind. Nur in der schmalen Nische neben der Tür verrät eine halbe Kleiderpuppe, wer oder was sich hinter den Verhüllungen verbirgt. Auch das Fehlen eines deutlich sichtbaren Geschäftsschildes unterstreicht das Understatement des Jungdesigners.

Dass er sich nachdrücklich zur Nachhaltigkeit bekennt, passt ebenfalls in diesen gedanklichen Rahmen. Nachgefragt, was er unter dem heute so viel strapazierten Schlagwort versteht, weiß er präzise Antworten: Wolle, Leinen und Loden bezieht er von österreichischen Herstellern. So wird der Transportweg verkürzt und die heimische Industrie unterstützt. Die restlichen Materialien tragen das G.O.T.S. – Siegel, was so viel wie "Global – Organic – Textile – Standard" bedeutet. Mit diesem Siegel ist sichergestellt, dass der Stoff reine Naturfaser und frei von Giften ist, ohne Kinderarbeit und unter möglichst geringem Wasserverbrauch produziert wurde. Diese ethischen Produktionsforderungen haben sich in der Modebranche noch nicht wirklich durchgesetzt, meint Gabriel Baradée. Auf der Suche nach ökologisch vertretbarem Material sei er auf "Tencel" gestoßen. Diese Faser wird von der Lenzing AG hergestellt und hauptsächlich im Sportbereich verwendet, weil sie atmungsaktiv und schweißabstoßend ist. Baradée verwendet Tencel sowohl für Damenkleidung, wenn sie weich und fließend fallen soll, als auch für Herrenanzüge.

Schnitt und Drapierung

Womit wir bei seiner Kollektion angelangt sind. Dicht an dicht hängen Herrenanzüge und Hemden im klassischen Stil. Nur für Modeschauen zieht Baradée seine Models schräg, witzig und ungewöhnlich an. Im Alltag will er seine männlichen Kunden eher konservativ sehen, vielleicht ist ein Hemd einmal vorne mit Biesen oder einer breiteren Knopflochleiste versehen. Das sind aber schon die Maximalausreißer.
Bei den Damen darf es von allem etwas mehr sein. Mehr Ungewöhnliches nämlich. Da nützt ihm seine Ausbildung auf der "Internationalen Kunsthochschule" in Berlin, die er nach Beendigung seines Japanstudiums und seinem Aufenthalt in Japan gemacht hat. Man merkt: Baradée ist vielseitig interessiert und ausgebildet. In Japan, das ja seit vielen Jahren ein Hotspot für Mode und Design

Gabriel Baradée - © Gerhard Buchacher
Gabriel Baradée - © Gerhard Buchacher

ist, kam er überhaupt erst auf den Geschmack, Mode zu machen. Und zwar inspirierte ihn vor allem die asketische und minimalistische Architektur von Tadao Ando und Shigeru Ban. "Modemacher und Architekten haben eines gemeinsam: Sie sind oberflächlich, weil sie an der Oberfläche arbeiten", philosophiert Baradée schmunzelnd. Beide, Architekt und Designer, umhüllen einen Raum oder Körper. Er mit Drapierungen, die er an der Puppe ausprobiert, bevor sie genäht werden. Die sind seine Stärke, besonders die Wasserfalldrapierungen. Leicht fließen die Wellen des Stoffes in den Ausschnitt oder an der Hüfte entlang. Kleider mit angesetzten Halbradröcken gehören zu seinem Markenzeichen. Ausgefeilt hat Baradée diese Methode bei seinen Röcken, die er sowohl kurz oder knöchellang schneidert. Da fließt das Halbrad seitlich angesetzt von der Taille hinunter und gibt dem Modell einen Pfiff Asymmetrie. Manchmal ist er auf dem Erfinderpfad unterwegs. Für das Modell "Filzlaune" arbeitet er in schwarze Seide Filz hinein und zieht alles durch eine Art Reißwolf, wodurch die Seide aufgeraut wird. Wie auf einem abstrakten Bild flattern gelbe und nudefarbige Filzblätter über den nun transparent gewordenen Stoff, den er zu einem schlichten Kleid mit Radrock verarbeitet. Schlicht allerdings nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten schimmert die ganze Rafinesse durch, gibt eine vage Ahnung vom Körper der Trägerin.
Dass Gabriel Baradée schon einige Preise in seinem noch jungen Designerdasein eingeheimst hat, verwundert nicht. 2012 erhielt als "best newcomer" den Vienna Award, 2013 den Enjoy Award in der Kategorie green lifestyle und den Alsergrunder Wirtschaftspreis. Nach vier Jahren Dauerpräsenz auf der Spittelauer Lände ein längst verdienter Preis!

Print-Artikel erschienen am 10. Mai 2013 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 16-19