Natürlich verkörpern die Gesprächspartner, die in diesem Artikel zu Wort kommen, nicht den Durchschnitt einer Generation. Sie sollen weder als Norm gesehen werden, an der sich andere zu messen hätten, noch Argumente für eine Erhöhung des Rentenalters liefern. Ihr Beispiel soll den Blick dafür schärfen, was die späteren Jahre noch an Positivem zu bieten haben und dass das Leben im Ruhestand keinesfalls einem jener sagenhaften schwarzen Löcher im Weltall gleichen muss, in denen alles Licht verschwindet. Maria Dorothea Simon zum Beispiel, promovierte Psychologin, ist 95 Jahre alt und seit ihrem 65. Lebensjahr in Pension. "Das ist ein Drittel meines Lebens", sagt sie. "Es wäre ja furchtbar, wenn da nichts mehr Wichtiges passiert."

Vor dreißig Jahren war sie noch Direktorin der Sozialakademie in Wien Freytaggasse, einer Vorläuferin der heutigen Fachhochschulen für Sozialarbeit. Im Alter von 65 zwangen sie zu ihrem Bedauern die gesetzlichen Bestimmungen, in Pension zu gehen. "Obwohl ich", wie sie ergänzt, "diese Arbeit noch gut zehn Jahre auf demselben Niveau machen hätte können." Die überschüssige Energie, die ihr verblieb, konzentrierte sie auf ein anderes Projekt, das sie bereits ein paar Jahr davor ins Leben gerufen hatte, einen Verein zur Unterstützung der Angehörigen von psychisch Kranken (HPE – Hilfe für psychisch Kranke, Verein der Angehörigen und Freunde). Sie ging also weiter jeden Tag in ein Büro, arbeitete an der Zeitschrift des Vereins mit und machte ehrenamtlichen Dienst in der telefonischen Beratung, die dieser Verein betrieb. In den letzten Jahren tritt sie ein bisschen leiser, weil ihr das Gehen zunehmend Mühe macht. Aber auf ihrem Arbeitsprogramm stehen aktuell drei Artikel für Fachzeitschriften. Dazu kommen laufend Einladungen zu Vorträgen.

Die neue Freiheit

Szenenwechsel: Juli 2012, die Insel Krokön, Schweden (N 60° 20‘, E 17°40‘). Es gibt eigentlich keinen Hafen, sondern eine Bucht mit einem Steg, an dem nur ein paar Boote Platz haben. Dort macht ein kleines Segelschiff unter deutscher Flagge fest. Sein Skipper, Günther Prinz aus Berlin, sucht Schutz,  weil draußen, über der See, dicke Nebelbänke aufgezogen sind und ihm das Risiko einer Kollision zu groß erscheint. Er ist 87 Jahre alt, allein an Bord und gewohnt, jeden Handgriff selbst zu erledigen: anlegen, ablegen, Segel setzen, bergen, bedienen, ganz zu schweigen von Navigation, Reparaturen und der Bordküche. Sein Boot, die "Thule", ist knapp neun Meter lang, eine Nussschale. Günther Prinz kommt damit aus Berlin und wird in jenem Sommer des Jahres 2012 alles in allem 2500 Seemeilen zurücklegen, rund 5000 Kilometer, zum größten Teil auf offener See und auf sich alleine gestellt.  Diese Reise wird ihn von der deutschen Küste über Schweden, Finnland, Estland, Lettland zurück nach Deutschland führen und im Jahr 2013 wird er dafür vom Deutschen Segelverband mit einer Medaille geehrt werden. "Das war mir fast peinlich", sagt er zum "Wiener Journal". "So etwas Besonderes habe ich ja nicht geleistet."