Neben praxisnahen Trendforscherinnen wie Gabriela Kaiser und Zukunfts-Theoretikern wie Matthias Horx gibt es noch eine dritte Zunft, die Konsumströmungen von morgen aufspürt: vielreisende Künstler und Designer aus internationalen Stilbüros – wie zum Beispiel Caroline Till von Franklin Till aus London –, die quasi im Überflug neue Trends (er-)finden. Die Frankfurter Heimtextilmesse versammelt diese Paradiesvögel einmal jährlich im Frühjahr um einen großen Tisch. Caroline Till hat die zwei wichtigsten Interior Trends 2014/15 zusammen mit Kollegen aus Asien, den USA und Europa erarbeitet und in einer Pressekonferenz im vergangenen August vorgestellt.

Weltweite Trends auf dem Weg ins Wohnzimmer

Der erste, sehr technische Trend enthält grelle, futuristische Farben, facettenartige Formen und pixelige Muster. Der zweite, von unserer Echtheits-Sehnsucht inspirierte Trend ist von der Freude am Handwerk und am Naturbelassenen, Rauen, Runden, Primitiven geprägt. Das spiegelt sich in satten Naturfarben und natürlichen, organischen Formen wider. Diese Vorhersagen haben Caroline Till und Kollegen in ein Trendbuch gegossen und mit eigens entwickelten Farbkarten versehen.
Im Herbst 2013 wurde das Buch weltweit an diejenigen Webereien geschickt, die im Januar 2014 auf der Frankfurter Messe "Heimtextil" neue Stoffkollektionen für Haus und Möbel vorstellen. Die Designer jener Webereien kreierten anhand des Trendbuches aufregend neue Stoffproben und schickten sie noch vor Weihnachten zurück nach Frankfurt. In einer großen Wohninstallation werden diese fantasievollen Gespinste während der Messe im Januar für andere Designer, Innenarchitekten und Einrichtungshändler zu sehen und befühlen sein. Und über deren Geschäfte und Studios kommen sie zu uns, den Konsumenten. Wir entscheiden letztendlich, was wirklich zum breiten Trend wird. Vor allem die "early adopters" unter uns spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind es, die Trends besonders früh – early – aufnehmen, vorantreiben und virenartig an andere weitertragen. Und die vielleicht schon längst ein smaragdgrünes Kissen auf dem Sofa liegen haben.

Trendquelle Kultur

Dass künftige Trends auf Modeanzeigen zu finden sind, hat Gabriela Kaiser schon verraten. Doch woher stammen sie noch, diese Kreativ-Schnipsel, mit denen Designer und Trendforscher arbeiten? Aus den coolsten Clubs und Wohnungen dieser Welt zum Beispiel, dokumentiert in Blogs wie styleclicker.net oder theselby.com. Auch avantgardistische Tanz- und Theatervorstellungen an großen Bühnen oder Buch- und Kinobestseller wie "Die Tribute von Panem" sind ein Nährboden für weltweite Produkttrends. Nicht umsonst spielt der Blockbuster hauptsächlich im (smaragdgrünen) Wald. Malerei ist ebenfalls wegweisend. Der Heimtextil-Trendtable 2013/14 nennt zum Beispiel den farbbegeisterten jungen Künstler Yago Hortal als wichtigen Inspirator.

Trendquelle Technologie

Die ausdrucksvoll gemaserten Massivholzmöbel von heute wären ohne die neuen Maschinen für die Bearbeitung von Kern- und Wurzelholz aber auch nie möglich gewesen. Und ohne digitale Printmaschinen könnten die Gardinenhersteller keine Vorhänge mit täuschend echten Blumenwiesen überschütten. Möbelzulieferer, Material-Datenbanken und Farbinstitute mischen ebenfalls mit, wenn es um Trends geht. Sie haben nicht nur Smaragdgrün auf den Weg gebracht, sondern auch Metallic-Oberflächen und Leder, die mit Olivenblattsud gegerbt werden. Die Materialien und Farbpaletten wurden dabei oft schon Jahre vorweg erarbeitet und zunächst teuer an einzelne Industriekunden verkauft.