Vom Menschenaffen zum Menschen. - © Science Photo Library/Corbis
Vom Menschenaffen zum Menschen. - © Science Photo Library/Corbis

Seit der schwedische Paläogenetiker Svante Pääbo gemeinsam mit seinem Team am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie das Genom des Neandertalers entschlüsselt und entdeckt hat, dass sich Neandertaler-Gene bis zu vier Prozent im Genom der heutigen Menschen außerhalb von Afrika wiederfinden, steht die Anthropologie kopf. Beweisen die Forschungen doch, dass sich die verschiedenen Menschenarten in der Frühzeit über vermeintliche Artgrenzen hinweg gepaart und vermischt haben, was in der Anthropologie immer höchst umstritten gewesen ist.

Auch Entdeckungen wie jene eines bis dato unbekannten Denisova-Menschen im Altai-Gebirge im südlichen Sibirien, der vor etwa 40.000 Jahren lebte, sorgen mehr für Verwirrung als für Gewissheit. Johannes Krause und Svante Pääbo gelang es 2010, aus einem etwa kirschkerngroßen Fingerknöchelchen und einem Zahn Kern-DNA zu sequenzieren. Das Fossil gilt als Beleg für eine bis dahin unbekannte, nur entfernt mit Neandertalern und anatomisch modernen Menschen verwandte Population der Gattung Homo.

"Es ist alles sehr kompliziert und einfache Antworten kann ich Ihnen nicht geben", meint die Direktorin der Abteilung Anthropologie im Naturhistorischen Museum in Wien, Maria Teschler-Nicola, auf die Bitte nach einer kurzen Zusammenfassung zum aktuellen Stand der Forschung. "Bisher gab es nicht einmal eine eindeutige Sichtweise innerhalb der Anthropologie, ob es sich beim Neandertaler um eine eigene Art oder eine Unterart handelt." Die jüngsten Forschungsergebnisse des Leipziger Teams legen aber nahe, so Teschler-Nicola, dass es sich wohl um eine Unterart handeln müsse, denn sonst gebe es keine Nachkommen. Die Definition einer eigenen Spezies besagt u.a. dass zwei genetisch nicht kompatible Arten zwar mitunter Nachkommen zeugen können, diese sind im Regelfall aber unfruchtbar.

Heftige Diskussionen um Speziesgrenzen haben zuletzt Ausgrabungen bei Dmanisi in Georgien entfacht. Dort wurden in den 1990er Jahren Fossilien gefunden, die Wissenschafter auf ein Alter von 1,85 Millionen Jahren datiert und als Angehörige der Gattung Homo gedeutet haben. Die homininen Fossilien von Dmanisi gelten als mögliches Bindeglied zwischen den frühesten Vertretern der Gattung Homo aus Afrika und den späteren, aus Asien bekannten Fossilien des Homo erectus. Sie belegen, dass Vertreter der Gattung Homo 300.000 Jahre früher nach Eurasien vordrangen, als zuvor angenommen. Zunächst blieb jedoch ungeklärt, welcher Art der Gattung Homo die Dmanisi-Funde zuzuordnen sind.