KInder sollten im Idealfall mehre Bezugspersonen haben. - © Bettmann/Corbis
KInder sollten im Idealfall mehre Bezugspersonen haben. - © Bettmann/Corbis

Ein Kind braucht seinen Vater – auch wenn dieser von der Mutter getrennt ist. Dieser Ansicht sind nicht nur Psychologen, sondern auch der österreichische Gesetzgeber. Der hat nämlich im Vorjahr die Obsorge für Kinder bei Scheidungen neu geregelt und legt nun noch mehr Wert auf eine gemeinsame Verantwortung der Eltern.
"Ich habe jetzt durch das neue Gesetz mehr Spielraum", meint der Neunkirchner Familienrichter Stefan Koppensteiner im Gespräch mit dem "Wiener Journal". "Früher musste ich die gemeinsame Obsorge beenden, wenn ein Elternteil sie nicht mehr haben wollte. Jetzt darf ich sie durchsetzen." Bezeichnenderweise sind es seiner Erfahrung nach vornehmlich Mütter, die vor Gericht ein Ende der gemeinsamen Obsorge beantragen, und vor allem Väter, die einen Antrag auf ein Kontaktrecht stellen. Dabei hat Koppensteiner festgestellt, dass Väter, die die Obsorge haben, sich mehr verantwortlich fühlen und auch mehr Ausdauer haben, auch in schwierigen Zeiten den Kontakt zum Kind aufrechtzuerhalten. "Das bringt auch den Kindern sehr viel, wenn man alle Beteiligten zwingen kann, zu akzeptieren, dass es eine Scheidung der Eltern geben kann, aber keine Scheidung vom Kind."

Dass Väter kein Interesse mehr an ihren Kindern haben, erlebt der Familienrichter hingegen sehr selten. "Häufiger sind die Väter, die irgendwann den Kampf um den Kontakt zum Kind aufgegeben haben. Der war mit dem alten Gesetz auch schwieriger durchzusetzen als heute. Der Gesetzgeber hat eingesehen, wie wichtig die zweite Bezugsperson für das Kind ist." Und Koppensteiner, selbst ein Familienvater, ist überzeugt, "dass so gut wie jeder Vater ein Interesse hat, sein Kind aufwachsen zu sehen".

Man streitet auch
ums Geld

Um die Obsorge selbst wird gar nicht so sehr gestritten, und mit dem neuen Gesetz noch weniger. Vielmehr hat sich der Streitpunkt hin zum hauptsächlichen Aufenthalt des Kindes verlagert – weil davon abhängt, wer Unterhalt bezahlen muss. "Die Eltern streiten also vor allem ums Geld", stellt der Familienrichter fest. Bei der aus seiner Sicht "immer fürchterlichen" Entscheidung, bei wem das Kind hauptsächlich wohnen soll, richtet er sich auch danach, wer es besser persönlich betreuen kann. Und das sind nun einmal in unserer Gesellschaft eher nicht die Väter, die meistens stärker berufstätig sind als die Mütter. Das traditionelle Familienbild wird also auch vor Gericht oft fortgeführt: Die Mutter zieht die Kinder auf, der Vater ernährt sie (durch Unterhaltszahlungen). "Aber das ist kein Präjudiz", betont Koppensteiner, "ich habe gar nicht so wenige Fälle gehabt, in denen die Kinder besser beim Vater aufgehoben waren."