Die Kinder im Mittelpunkt

Es ist jedenfalls viel Elternarbeit, die hier geleistet wird, meint Hirsch: "Wir wollen den Eltern vermitteln, dass sie dafür verantwortlich sind, dass sich ihre Kinder gut entwickeln können und trotz allem in einem geschützten Rahmen aufwachsen. Die Kinder müssen im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche Altlasten aus der Beziehung." Das ist auch Koppensteiner ein Anliegen: "Wir trampeln in Österreich viel zu viel auf dem Thema Schuld herum und lenken dadurch die Ressourcen zu sehr in die Vergangenheit statt in die Zukunft. Ich darf als Familienrichter die Leute nicht moralisch beurteilen, denn ich weiß ohnehin nie zu 100 Prozent, woran die Beziehung wirklich gescheitert ist." Eine Abkehr vom Verschuldensprinzip wurde auch von der Fachgruppe Familienrecht der österreichischen Richtervereinigung am jüngsten Familienrichtertag in Salzburg wieder einmal gefordert.

Koppensteiner, der im Vorstand der Fachgruppe ist, verweist auch auf wissenschaftliche Daten, die belegen, dass Kinder eine Trennung besser überstehen, "wenn sie auf Augenhöhe und einander wertschätzend erfolgt". Das sagt auch die deutsche Familienrechtsexpertin Hildegund Sünderhauf: "Für ein glückliches und stabiles Heranwachsen ist die Bindung zu beiden Eltern fundamental", betont sie in einem Interview mit der "Zeit". Sie plädiert als Alternative zum sogenannten Residenzmodell (die Kinder wohnen bei einem Elternteil und besuchen den anderen in regelmäßigen Abständen) für ein Wechselmodell, bei dem die Kinder zum Beispiel im Wochenrhythmus einmal beim Vater und einmal bei der Mutter wohnen.

Das bedeutet zwar für die Eltern einen größeren logistischen Aufwand, "aber der lässt sich mit einem Übergabe-Buch und Kommunikation via E-Mail ganz gut bewältigen – und die Kinder können eine gleich starke Bindung zu beiden Elternteilen entwickeln. Die Kinder zeigen nach der Trennung weniger Depressionen, bessere kognitive Fähigkeiten und mehr Lebenszufriedenheit als Kinder im Residenzmodell. Sie haben sogar oft ein besseres Verhältnis zum Vater als vor der Trennung der Eltern, weil er eine aktivere Rolle einnimmt", berichtet Sünderhauf, die dem Wechselmodell ein eigenes Buch gewidmet hat ("Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis", Springer VS Verlag).

Es ist eben alles auch eine Frage des Willens und der Organisation – und in einer erweiterten Variante auch des Geldes: Das sogenannte Nestmodell geht nämlich noch einen Schritt weiter. Hier wohnen die Kinder in einer zentralen Wohnung, während die Eltern wie Vögel ein- und ausfliegen. Der große Vorteil: Die Kinder sind immer "daheim" und haben dabei entweder Papa oder Mama bei sich. Der Nachteil: Die Eltern müssen noch zusätzlich je eine eigene Wohnung unterhalten. Wichtig ist bei beiden Alternativmodellen, dass die Schule und damit auch die Freunde der Kinder immer gut erreichbar sind.