Auf der Hauptallee im Wiener Prater herrscht der übliche Betrieb: Jogger, Skater und Radfahrer frönen ihrem sommerlichen Hobby. Die beiden Figuren am Wegesrand, die ihnen, unterstützt durch Gitarre, Mandoline und Mandola, Lieder vorsingen wollen, finden bei ihnen keine Beachtung. Schließlich trägt jeder der Vorbeihastenden seine eigene Musikwelt mit sich, in Form von Kopfhörern, aus denen Smartphone oder MP3-Player direkt ins Ohr dudeln.

Nach einer Stunde geben die beiden Straßenmusiker auf, obwohl sie zwei Stunden spielen dürften. Ihr Experiment ist, jedenfalls an diesem Tag und an diesem Ort, gescheitert. Robby Lederer, einer der beiden, hat nämlich eine kleine Zeitreise versucht. Vor fast 40 Jahren ist er erstmals in Wien mit Musik an die Öffentlichkeit getreten, lange ehe er in verschiedenen Folk-Bands wie "Liederlich Spielleut" seine Karriere als Gitarrist und Sänger fortsetzte. Der einstige Ort des Geschehens: die Kärntner Straße, gerade eben zur Fußgängerzone geworden.

Damals war die Konkurrenz noch klein, erzählt er: Da gab es etwa den als "Lercherl" bekannten weißbärtigen Falsettsänger, der sich selbst auf der Ziehharmonika begleitete, oder die kleine, in Ponchos gekleidete Gruppe von Südamerikanern, die mit Panflöten und Trommel Indio-Weisen zum Besten gaben. Straßenmusik war damals neu in Wien und im Grunde nicht erlaubt. Die Polizei fand trotzdem nur selten Grund zum Einschreiten. Heute dagegen wird jeder Straßenkünstler streng kontrolliert, ob er denn auch im Besitz einer "Platzkarte" sei, – diese dient heute nämlich als Voraussetzung für solche Betätigung im öffentlichen Raum.

Geregelt werden die einschlägigen Bedingungen in der "Straßenkunstverordnung 2012" des Wiener Magistrats. Auffällig ist gleich die Definition in Paragraph 1 Absatz 3: "Akustische Straßenkunst ist eine Geräusch erzeugende Darbietung." Nicht zufällig erinnert dies an Wilhelm Buschs bekannten Vers: "Musik wird oft nicht schön gefunden, / weil sie stets mit Geräusch verbunden." Denn am Beginn der Verschärfungen aus dem Jahr 2012 stand eine Initiative von Bewohnern und Geschäftstreibenden der Wiener Innenstadt gegen den "Lärm" der Straßenmusiker, die bei Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel offene Türen einrannte. Im Wesentlichen folgte die Gemeinde den Forderungen, welche die gestrenge City-Chefin bereits 2008 äußerte, lediglich die Beschränkung auf eine Maximal-Spielzeit von einer Stunde wurde auf zwei gestreckt. Dafür wurde das Gebiet, in dem Platzkarten benötigt werden, weit über Graben, Kärntner Straße und Stephansplatz hinaus ausgedehnt – es gilt nun an 32 penibel aufgelisteten Plätzen in den Bezirken 1 bis 6. Dies geschah, um den Musikern die Möglichkeit zu geben, der Innenstadt auszuweichen, wie der Kultursprecher der Wiener Grünen, Klaus Werner-Lobo, erläutert, der damals mitverhandelt hat. In den meisten anderen Wiener Bezirken darf ohne Platzkarte musiziert werden – allerdings auch nur an genau vorbestimmten 33 Orten.