In früheren Zeiten waren für ein Wiener Kind zwei Dinge untrennbar mit der Firmung verbunden: die erste Uhr und eine Fiakerfahrt in den Prater. Als die Reihe an mich kam, war Letzteres bereits im Abklingen. Ich erhielt zwar eine wunderschöne "Goldene" geschenkt, zu Autodrom und Hochschaubahn jedoch fuhren wir im Auto. Später bot sich anscheinend keine Gelegenheit zu einer Tour in der Kutsche, und auch meine ausländischen Freunde äußerten nie einen dahin gehenden Wunsch. Somit lernte ich dieses ureigenste Wiener Verkehrsmittel erst kennen, als mich ein Anruf der Redaktion ereilte, eine entsprechende Reportage zu verfassen.

Treffpunkt ist kurz nach neun Uhr Früh in der Beheimgasse in Wien-Hernals. Herr Kobliha ist mit seinem "Zeugel" bereits auf die Straße gefahren und unterhält sich mit Moritz, der die Fotos schießen wird. "Drinnen durfte ich keine Bilder machen", verrät er mir. Moritz nimmt im Fond Platz, ich erklettere den Kutschbock und sitze neben Helmut, wie Herr Kobliha sich uns vorgestellt hat. Trotz der hohen Temperaturen trägt er Gilet und Krawatte, auf dem Kopf den "Stesser", wie die Melone in der Zunftsprache heißt.

"Wir fahren zuerst zum Michaelerplatz und machen dann die große Runde", lässt Helmut uns wissen. Es geht die Beheimgasse hinunter, und ich erfahre zunächst, mit wem wir unterwegs sind: Links zieht Billy, ein Brauner, rechts ein Schimmel namens Senator. Beide sind Wallache, dreizehn und vierzehn Jahre alt und sie arbeiten seit vier Monaten zusammen. Billy sei zwar der Kräftigere, Senator jedoch der Dominantere des Gespanns. Dies zeige sich etwa darin, dass er als Erster trinkt und seinem Kollegen auch dessen Wasser noch wegsaufen würde, wenn man ihn nicht daran hinderte. Darüber hinaus musste Senators Schweif fixiert werden, weil er sonst damit schlagen würde und seinen "Mitarbeiter" dabei treffen könnte.

"Der Billy war zuerst mit einer Stute zusammen, das hat aber nicht gepasst", erzählt Helmut. Die Eignung eines Rosses zum Fiakerpferd zeige sich relativ rasch. Will ein Kutschunternehmer ein neues Pferd kaufen, so fährt er zuerst einige Tage zur Probe auf dem Land, dann in der Stadt, um zu sehen, ob es für diese Arbeit taugt.

Wir biegen nach rechts in den Währinger Gürtel ein, hier ist der Verkehr schon deutlich dichter. Obwohl die Pferde Schritt gehen und wir vor einer Ampel stehen bleiben, als sie auf Gelb springt, hupt niemand hinter uns. "Mit den Autofahrern gibt es nur ab und zu Probleme", sagt Helmut. "Manche hätten es halt lieber, dass wir ab und zu ein bisschen schneller fahren." Dass dies wesentlich schwieriger ist als mit dem Automobil, dessen Geschwindigkeit per einfachem Druck auf das Gaspedal erhöht werden kann, wissen viele Lenker nicht: Einem Pferd ist es nur schwer zu vermitteln, dass es abrupt das Tempo wechseln sollte.