Ob ein Kind einem Baum Äpfel zeichnet oder nicht, sagt etwas über seine inneren Ressourcen aus. - © Anthonycz - Fotolia
Ob ein Kind einem Baum Äpfel zeichnet oder nicht, sagt etwas über seine inneren Ressourcen aus. - © Anthonycz - Fotolia
Ali (Name von der Redaktion geändert) ist dreizehn Jahre alt und hat eine andere Kindheit hinter sich als die meisten Gleichaltrigen. "Mit neun Jahren ist er zu uns gekommen", erzählt Melanie Shaked. Sie ist klinische Psychologin im niederösterreichischen Landesjugendheim Pottenstein. Der Bub, der aus einer Migrantenfamilie stammt, ist zunächst bei seiner Mutter aufgewachsen, die getrennt vom Vater lebte. Als sie in ihr Heimatland zurückkehrte, übersiedelte Ali zu seinem Vater. Dieser zeigte sich gewalttätig, kam in der Folge in Untersuchungshaft, und der Bub wurde an Onkel und Großmutter weitergereicht. Als den Nachbarn auffiel, dass beide Verwandten das Kind körperlich züchtigten, schritt das Jugendamt ein und Ali kam ins Landesjugendheim.

"Bei allen Kindern, die zu uns geschickt werden, sehen wir uns zuerst die Vorbefunde an, um die Vorgeschichte zu eruieren", erklärt Shaked. Danach wird überprüft, über welche Ressourcen der junge Mensch verfügt. Wissenschaftlich gesprochen: wie resilient, also psychisch widerstandsfähig jemand ist.

Hierbei geht es um ein Bündel an Faktoren. Zunächst untersuchen die Psychologinnen, was das Kind selbst an kognitiven und emotionalen Fähigkeiten zur Verfügung hat, sowie welche Bezugspersonen, in der Regel Familienmitglieder, das Kind unterstützen können. Von Letzterem war bei Ali recht wenig vorhanden: Die Familie ist zerstritten und zum Teil gewalttätig, Alis Mutter verstarb einige Zeit nach seiner Aufnahme im Kinderheim. Auch um Wissen und Gefühlswelt des Buben stand es nicht zum Besten. "Wir testen diese Fähigkeiten unter anderem mit sogenannten projektiven Verfahren, etwa mit Zeichenaufgaben", berichtet die Psychologin. Dabei werden die Kinder zum Beispiel gebeten, einen Menschen zu zeichnen. Shaked: "Die kognitive Entwicklung kann man unter anderem daran ablesen, wie vollständig der Körper gezeichnet ist." Manche zeichnen lediglich einen Kopf mit Füßen.

Über die emotionale Entwicklung kann Auskunft geben, wie groß das Abbild ist, ob es das Blatt ausfüllt oder ganz klein in eine Ecke gesetzt wurde, ob das Kind sich selbst gezeichnet hat oder eine andere Person und wenn Letzteres, wen das Bild darstellt. Auch die Zeichnung von Bäumen gilt als aussagekräftig. "Wenn es ein Obstbaum sein soll und der aber keine Früchte trägt, kann das ein Zeichen mangelnder Ressourcen sein", sagt Shaked.