Heute, mit bald vierzehn Jahren, sind viele dieser Schwachstellen behoben: Shaked beschreibt den Jugendlichen als sehr freundlich und sprachlich kompetent und in seiner Gruppe gut integriert. Auch mit der Konzentration klappt es viel besser, kognitive Defizite bestehen jedoch nach wie vor, und Ali besucht daher die Sonderschule. Allerdings hat er sowohl seine Aggressivität im Griff und ist auch imstande, zu anderen Personen sozial angepasste Beziehungen (Stichwort "Distanz") zu pflegen.

Und wie geht es weiter? "Ali wird wohl eine Lehre machen", sagt die Psychologin. Eine Rückkehr zu seiner Verwandtschaft ist nur tageweise sinnvoll und möglich: Es gibt zwar einen Bruder, der in einer Pflegefamilie lebt; dort könnte Ali allenfalls über das Wochenende bleiben, mehr würde wohl alle Beteiligten überfordern. Wohnen kann er weiterhin im Pottensteiner Heim.

Prinzipiell ist dies bis zum Erreichen der Großjährigkeit möglich. Allerdings nur dann, wenn die Jugendlichen dies wollen – zwangsverpflichtet wird niemand. Diese doch recht lange Aufenthaltsdauer ist eine der Änderungen gegenüber früher. Noch bis vor drei Jahren mussten die Jugendlichen das Heim nach ihrem fünfzehnten Geburtstag verlassen.

"Wir sehen uns als familienergänzend, nicht als Familienersatz", erklärt Doris Müller, die stellvertretende Leiterin des Heimes, den prinzipiellen Ansatz von Pottenstein. "Die Kinder sollen, soweit es der Realität entspricht, ein positives Bild von ihren Eltern haben." Diese waren oft selbst in Kinderheimen untergebracht, und das möglicherweise mit allen negativen Ausprägungen früherer Jahrzehnte: autoritärer Führungsstil, körperliche Züchtigungen, schwarze Pädagogik. "Den Eltern vermitteln wir, dass wir sie schätzen und dass wir wissen, dass es für sie kein einfacher Entschluss war, uns ihre Kinder anzuvertrauen", sagt Müller. So wie die Kinder ihre Stärken kennenlernen sollen, um darauf aufzubauen, so müssen auch die Eltern das Gefühl haben, etwas Positives geschaffen zu haben.  Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist auch für die weitere Zeit, die die Kinder im Heim verbringen, fixer Bestandteil der Betreuung.

Für die Kinder wiederum ist es wichtig zu wissen, warum sie hierher gekommen sind, wie der weitere Verlauf aussieht und vor allem, dass sie nicht schuld daran sind, dass sie nun hier und nicht mehr bei ihren Eltern leben. Der böse Satz "Du bist im Heim, weil du schlimm warst", hat in Pottenstein schon lange ausgedient. Und: "Ob jemand überhaupt ins Heim kommt, wird nicht alleine von den Behörden entschieden", sagt die Vize-Direktorin. "Alle sind hier freiwillig."
Insgesamt leben zwanzig Kinder und Jugendliche fix im Heim. "Jeweils zehn Kinder oder Jugendliche bilden eine Gruppe, die von je vier Pädagoginnen beziehungsweise Pädagogen betreut werden", sagt Müller. Diese vier sind fixe Bezugspersonen des Kindes, wobei ein Pädagoge jeweils speziell für ein Kind zuständig ist, dem die Kinder all ihre Wünsche, Sorgen, Probleme mitteilen können – wie das eben in einer funktionierenden Familie der Fall sein sollte.
Was Müller allerdings betont: "Bei allen Defiziten bringen die Kinder auch sehr viel selbst mit." Das ist zum einen ein hohes Gefühl für Gerechtigkeit und eine große Sensibilität dafür, wer sie ernst nimmt und wie man mit der leiblichen Familie umgeht. Zum anderen verfügen sie doch über eine ordentliche Portion an innerer Stärke, die sie das überstehen ließ, was sie mitgemacht haben. Auch Ali kam nicht gänzlich ohne eigene Ressourcen nach Pottenstein: Beim Resilienztest hat er dem Baum Äpfel gezeichnet.