Natürlich werden derartige Tests nicht isoliert betrachtet, sondern in Zusammenhang mit allen sonstigen Beobachtungen gesetzt. Insgesamt wollen sich die Verantwortlichen im Heim ein Bild machen, wie es um die sogenannte Ich-Stärke, die Resilienz des Kindes bestellt ist. Letzteres wird auch am Grad der sogenannten Extraversion gemessen. "Hier geht es darum, wie viel oder wie wenig Distanz jemand zu fremden Personen hat", erklärt Shaked. Viele der Kinder im Heim suchen anfangs körperliche Nähe bei beliebigen Menschen, weil sie nicht wissen, wer hierfür "zuständig" ist. In einer Familie wären dies die Eltern, die Geschwister oder andere Verwandte; da jeder Mensch das Bedürfnis hat, berührt zu werden, andere zu berühren, sich bei jemandem auch körperlich angenommen und geborgen zu fühlen, suchen Kinder aus gestörten Familienverhältnissen diesen Kontakt eben dort, wo sie glauben, ihn gerade bekommen zu können. Das gesunde "Fremdeln" haben sie nicht gelernt. Auf der anderen Seite kennen sie auch keinen üblichen Trennungsschmerz: Verlässt die leibliche Mutter das Kind, dann ist sie eben fort. 

"Viele dieser Kinder sind sehr distanzlos", erzählt die Psychologin. Sie laufen etwa auf fremde Menschen zu und umklammern sie. "Bei wem die Kinder Körperkontakt suchen können und sollen, sagen wir ihnen allerdings nicht explizit", so Shaked. Vielmehr wird versucht, das Verhalten der Kinder im pädagogischen Alltag zu verändern, indem sie erleben, dass für diesen Kontakt eben die Bezugserzieherin oder der Bezugserzieher zuständig ist – "und nicht der Briefträger", wie Shaked es auf den Punkt bringt.

Gefährdet sind hier insbesondere Mädchen, weiß die Psychologin. "Wenn sich ein kleines Mädchen einem Mann auf den Schoß setzt und dieser findet daran Gefallen, heißt das für das Kind: Ich habe etwas gut gemacht." Dieses "Erfolgserlebnis" ist vielleicht das erste, das das Kind je hatte. Die logische Folge: Der Mann darf fortfahren, und das Kind merkt nicht, dass es missbraucht wird. Ab dem Eintritt in die Pubertät haben solche Mädchen oft wahllos Sexualkontakte, um sich die fehlende körperliche Nähe zu holen. Bei Burschen wiederum äußert sich mangelnde Bindung zu einer Bezugsperson in verstärkter Aggressivität.

Neben kognitiven und emotionalen Fähigkeiten sowie dem Gefühl für die passende Distanz wird nach der Aufnahme in Pottenstein noch eine Reihe anderer Faktoren überprüft. "Wir schauen uns an, wie das Kind oder der Jugendliche mit neuen Erfahrungen zurechtkommt." Will heißen: Über welches Maß an Anpassungsgabe verfügt der junge Mensch. Eng damit verwandt ist das, was die Psychologin "Verträglichkeit" nennt: Die Fähigkeit, Kooperationen einzugehen, nachgeben zu können, falls erforderlich, aber auch das Vertrauen in andere Menschen zu haben, nicht ausgenützt zu werden. "Dieses Vertrauen bauen manche Kinder hier erstmalig auf", weiß Shaked.
Auch die Gewissenhaftigkeit ist ein Gradmesser für die Resilienz. Ist ein Kind in der Lage, die Bewältigung von Aufgaben zu planen, und welche Hilfestellungen braucht es hierfür? "Wir bieten den Kindern eine beständige Zeitstruktur und achten darauf, dass sie möglichst wenig Veränderungen auf sich nehmen müssen", sagt Shaked. Die größte Umstellung war ohnehin die Übersiedelung ins Heim. Was hier wichtig ist: ein für das Kind verlässlicher Tagesablauf, fixe Essenszeiten – unabhängig davon, ob etwa die Hausaufgaben bereits erledigt sind oder ob es in der Schule ein Problem gegeben hat.
Ali hatte bei seiner Aufnahme im Heim in vielen dieser Punkte Schwachstellen. "Er war aggressiv und distanzlos, hatte Sprach- und Konzentrationsprobleme, er war entwicklungsverzögert, hatte Bindungsstörungen und Defizite sowohl im grob- als auch im feinmotorischen Bereich", erzählt die Psychologin.