Die zierliche Person belastet beim Gehen die Beine unterschiedlich – um nicht auf gut wienerisch zu sagen: Sie hatscht.  Sie hat offensichtlich Schmerzen auf dem ganzen Weg zur Probebühne in der Wiener Staatsoper im sechsten Stock. Das gehöre zu ihrem Leben, meint Evelyn Téri. Und schon ist das Thema wieder vom Tisch, denn viel Wichtigeres steht nun auf ihrem Plan: Die Probe zur Opernball-Eröffnung des Wiener Staatsballetts. Denn Téri zeichnet heuer für die Choreografie verantwortlich. Sie ist eines jener zahlreichen Zahnräder, die dafür Sorge tragen, dass aus dem Opernball das gesellschaftliche Highlight des Jahres wird. Herzstück des Ballabends ist selbstredend die Eröffnung, die alleine im ORF alljährlich von rund 1,5 Millionen Menschen verfolgt wird. Für Téri ist dies nun wie "eine kleine Krone auf dem Kopf". "So eine, wie die Debütantinnen haben werden", sagt sie lachend. "Wenn jemand so lange wie ich in diesem Beruf tätig ist, dann ist dies eine Auszeichnung."

Evelyn Téri ist in diesem Jahr für die Choreographie der Balletteinlage auf dem Opernball verantwortlich. - © Christoph Liebentritt
Evelyn Téri ist in diesem Jahr für die Choreographie der Balletteinlage auf dem Opernball verantwortlich. - © Christoph Liebentritt

Ihr ganzes Leben hat sie dem Tanz gewidmet: Téri wurde in Budapest geboren und nach ihrer Ausbildung zunächst an der Budapester Staatsoper und im Anschluss von John Cranko beim Stuttgarter Ballett unter Vertrag genommen. Weitere Verpflichtungen, auch im Rang einer Ersten Solotänzerin, folgten in Kiel, Lübeck, Mannheim, beim Grand Ballet Classique de France, bei Les Ballets de Monte Carlo und dem Tokyo City Ballet. In Hamburg etwa arbeitete sie mit George Balanchine und John Neumeier zusammen. In Japan, genau gesagt in Kyoto, startete sie dann ihre Lehrtätigkeit. 1977 begann sie an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mannheim zu unterrichten, 1981 wechselte sie an die Ballettschule der Österreichischen Bundestheater. Von 1984 bis 2004 war sie Projektleiterin an der Ballettabteilung des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seit 2005 lehrt sie wieder an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. Als Pädagogin, Trainingsleiterin (auch für das Wiener Staatsballett, das Royal Swedish Ballet und die Deutsche Oper am Rhein) sowie Jurorin (in Wien auch Vorsitzende) bei internationalen Ballettwettbewerben und als Kritikerin wirkte sie in vielen europäischen Ländern und in Übersee. Auch choreographisch ist sie seit 1982 tätig, wobei neben Klassikerneuinszenierungen zahlreiche neue Werke entstanden. Téri wurde mit dem Fanny Elßler Preis (2014), dem Berufstitel Professorin (2003) und dem Titel Professorin an der Hungarian Dance Academy (2002) ausgezeichnet. Doch das war einmal, sagt sie, darüber könne man ja noch später plaudern, heute sei nur die Eröffnung wichtig.