Das Leben ist riskant. In einer versicherten und geregelten Welt klingt diese einfache Aussage wie eine Plattitüde. Doch sind die Fähigkeiten des modernen Menschen, mit Risiko und Ungewissheit umzugehen, längst nicht weit genug entwickelt, meint der Psychologe Gerd Gigerenzer.

 

 

Zwei Göttinnen sitzen einander gegenüber, aber keine nimmt Notiz von der anderen. Die eine ist die launische Fortuna, die Göttin des Glücks. Sie spielt  mit dem Lebensrad, an das sich winzige Figuren klammern, Menschen, die mit dem Rad nach oben kommen wollen oder von ihm abstürzen. Die andere ist Sapientia, Göttin des Wissens und der Wissenschaft. Sie ist damit beschäftigt, sich mit ernster Miene selbst im Spiegel zu bewundern.

Dargestellt sind die beiden auf einem Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert, auf den sich Gerd Gigerenzer in seinem Buch "Risiko" bezieht. Der Gegensatz zwischen Zufall und gesichertem Wissen prägt seiner Ansicht nach das Leben der Moderne. Vor allem mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die fast 400 Jahre alt ist, versucht die Menschheit hartnäckig, sich den unberechenbaren Launen des Zufalls zu entziehen. Daraus ist in unseren Tagen geradezu eine Obsession geworden. "In unserem Bewusstsein wimmelt es von Zahlen und Wahrscheinlichkeiten", schreibt er und verweist auf die banale Übertragung eines Fußballspiels, die mit statistischen Angaben gespickt ist, oder den hektischen Alltag der Finanzwelt, die von Hochgeschwindigkeitsrechnern beherrscht wird, "die mithilfe von mathematischen Modellen die Entwicklung der Aktienmärkte voraussagen sollen."

Die dabei entstehende Illusion einer vermeintlichen Kontrolle über Risiken prägt den Alltag der Moderne. Sie beruht nach Gigerenzer auf einer elementaren Sehnsucht nach Stabilität und auf der Vermischung von drei Bereichen: Gewissheit, Risiko und Ungewissheit. Vor allem werden die Begriffe Risiko und Ungewissheit gerne synonym verwendet. "Das sind sie aber nicht. In einer Welt bekannter Risiken weiß man alles, einschließlich der Wahrscheinlichkeiten, mit Gewissheit. Hier reichen statistisches Denken und Logik aus, um gute Entscheidungen zu treffen." Doch ist dieser Bereich in Wahrheit klein, er umfasst zum Beispiel Lotterien und andere Glückspiele, in denen alle bestimmenden Faktoren bekannt sind.

"Während meines Studiums spielte ich in einer Dixieland-Band", erzählt Gerd Gigerenzer dem "Wiener Journal". "Als Doktorand musste ich dann die Entscheidung treffen, ob ich weiterhin als Musiker arbeiten wollte oder aber eine akademische Laufbahn anstreben sollte. Letztere war mit einem viel größeren Risiko verbunden, denn ich verdiente ausreichend mit der Musik und konnte nicht wirklich einschätzen, ob ich einmal Professor werden würde. Dennoch habe ich mich für die riskantere Alternative entschieden. Seitdem fasziniert es mich herauszufinden, wie Menschen mit Risiken umgehen und Entscheidungen treffen."
Denn der größte Teil des Lebens, viel mehr als die Akteure wahrhaben wollen, ereignet sich im Reich der Ungewissheit, in dem Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung wenig ausrichten.