Gabriel Barkay, die schwarze Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen gegen die stechende Nachmittagssonne, fährt mit seinen Fingern durch kleine Haufen von Tonscherben. Trockene Erde klebt an den Scherben, die er behutsam mit seinen gegerbten, vom ständigen Tabakrauchen gelb verfärbten Fingern aus dem Siebtisch klaubt und abklopft, bevor er die Scherben in eine hölzerne Box legt. Römische, vielleicht byzantinische Periode, vermutet er. "Davon haben wir bereits unzählige ausgeklaubt", sagt Barkay. Er schickt sie dennoch ins Labor. Jedes dieser Fundstücke ist eine einmalige, vielleicht nie mehr wiederkehrende Gelegenheit, etwas Neues über den wahrscheinlich heiligsten wie umstrittensten Ort der Welt zu erfahren: den Tempelberg von Jerusalem.

Die jüdischen Könige Salomon und Herodes haben den heiligen Berg, wo gemäß der hebräischen Bibel Gott seine Wohnstatt aufschlug, einst mit prunkvollen Tempelbauten geschmückt. Als im Jahr 70 n. Chr. die Römer einen jüdischen Aufstand niederschlugen und Jerusalem zerstörten, verschwand der jüdische Tempel, aber die Heiligkeit blieb dem Berg erhalten. Mit der Ankunft des Islam im 7. Jahrhundert entstanden die muslimischen Sakralbauten, der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee, die noch heute das Felsenplateau im Osten der Altstadt krönen. Wenn Jerusalem, gleichermaßen dem Judentum, dem Islam und dem Christentum heilig, der Kern des Nahostkonflikts ist, so ist der Tempelberg dessen Nukleus. Der Ort, immerhin ein Sechstel der Gesamtfläche der Jerusalemer Altstadt, ist wegen seiner religiösen Bedeutung archäologisch bisher unberührt. "Jeder Schaufelstich kann Aufstände auslösen", sagt Barkay. "Für die Archäologie ist der Berg ein Schwarzes Loch."

Dem Tempelberg hat sich Barkay, 1944 in Ungarn geboren und seit 66 Jahren in Jerusalem wohnhaft, während seiner archäologischen Laufbahn in Jerusalem sukzessive angenähert. 1964 arbeitete er an der Freilegung der tieferen Schichten des Zionsberges mit, im Schatten der Trennmauer zwischen Israelis und Jordaniern, die quer durch die Stadt lief. 1979 fand er südwestlich der Altstadt Silberamulette aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert, auf denen die ältesten bekannten Auszüge von Bibeltexten eingraviert sind. Aber keine seiner Ausgrabungen ist so spektakulär, so voller religiöser Mythen und gleichzeitig so umstritten wie die seit 2004 laufende Siebung von rund zehntausenden Tonnen Erde vom Tempelberg. Ein Pionierprojekt, an dessen Anfang laut Barkay eine "kriminelle Barbarei" stand.

1996 erhielt der Jerusalemer Waqf, eine islamische Stiftung, unter deren Aufsicht der Tempelberg mit den islamischen Schreinen steht, von der israelischen Regierung die Bewilligung für einen Aushub auf dem Areal. Geplant war der Ausbau einer überdachten "Wintermoschee" in der Südostecke des Plateaus neben der Al-Aksa-Moschee – dort, wo sich nach der Überlieferung die "Pferdeställe Salomons" befanden und wo nach der Einnahme Jerusalems durch die Kreuzritter im 11. Jahrhundert der Orden der Tempelritter sein Quartier bezog. Nach drei Jahren Bautätigkeit eröffnete der Waqf dort Ende 1999 die unterirdische Al-Marwani-Moschee. Tausende Tonnen historisch wertvoller Erde aus dem Aushub wurden in 400 Lasterladungen ins Kidrontal, am Ostrand der Altstadt, gekippt. Ohne jede archäologische Prüfung. "Selbst eine Zahnbürste wäre ein zu grobes Instrument, um im Erdreich des Tempelbergs zu arbeiten. Und der Waqf fuhr mit Bagger, Bulldozer und Lastwagen auf", klagt Barkay.

Der Bau der Al-Marwani-Moschee zeigte, wie sich in Jerusalem Archäologie, Religion und Politik überlagern. Trotz Protesten ließ Israels Regierung den Aushub zu, und die nationale Antikenbehörde, die für jedes Bauprojekt auf einem Grund, in dessen Tiefe historische Zeugnisse vermutet werden, ihr Einverständnis geben muss, intervenierte nicht. Aus politischem Kalkül: Der Bau begann in den aufgeheizten Jahren nach Abschluss des israelisch-palästinensischen Osloer Abkommens, die 1995 zum Mord am damaligen israelischen Ministerpräsidenten Rabin führten. Seine Nachfolger wollten Konfrontationen mit der arabischen Bevölkerung vermeiden und ließen die islamische Behörde auf dem Berg gewähren. Während fünf Jahren bemühte sich Gabriel Barkay um eine Bewilligung bei der Antikenbehörde, um wenigstens den Bauschutt, der nun im Kidrontal lag, untersuchen zu können. Erst als er mit dem Gang vor Gericht drohte, weil die Behörde beim Bau der Marwani-Moschee ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hätte, erhielt er grünes Licht. Seit elf Jahren siebt er sich durch die tausenden Tonnen Erde. Ihm zur Seite steht eine Handvoll junger Archäologen – und bisher eine Viertelmillion freiwilliger Helfer, die religiös verzückt von der Vorstellung, unberührte Erde aus der Zeit der Bibel durch die Finger rieseln zu lassen, für mindestens einen halben Tag an den Siebtischen stehen. Manche bleiben monatelang.

Zutage gefördert haben sie Funde aus allen Zeiten der Stadtgeschichte, die bis in die prähistorische Epoche zurückreichen. Manche davon, sagt Barkay, werfen ein neues Licht auf die Geschichte des heiligen Bergs. Zum Beispiel byzantinische Mosaiksteine, die darauf schließen lassen, dass nach der Zerstörung des Tempels der Tempelberg in der Spätantike bis zur Ankunft des Islam keineswegs eine bloße Schutthalde war, wie es damalige Pilgerberichte vermuten liessen, sondern byzantinische Kirchenbauten auf dem Areal errichtet wurden. Ebenfalls gefunden wurden Spuren der im Talmud als "wie eine bunte Welle im Meer" beschriebenen Bodenfliesen des Herodischen Tempels, von deren farbiger Mannigfaltigkeit auch der zeitgenössische Chronist Flavius Josephus berichtete. Solche Fliesen kannte man aus Palastbauten am Toten Meer, in Jerusalem waren sie bisher unbekannt – bis Barkay auf Bruchstücke von sauber geschnittenen roten, schwarzen und weißen Bodenfliesen stieß. "Wir wissen nun, wie der Boden im Tempel aussah, als Jesus zornig die Tische der Geldwechsler umstieß", sagt Barkay mit einem trockenen Lachen.

Aus Sicht der arabischen Bevölkerung hingegen ist das Areal des Tempelbergs das letzte Gebiet des sogenannten "heiligen Beckens" im historischen Zentrum von Jerusalem, wo Muslime etwas zu sagen haben. Obwohl Israel im Sechstagekrieg 1967 die zuvor geteilte Stadt gänzlich unter seine Kontrolle brachte und 1980 per Gesetz zur unteilbaren Hauptstadt Israels erklärte, gilt bezüglich des Tempelbergs weiterhin der jüdisch-muslimische Status quo: Die Juden beten am Fuß der Westmauer, dem einzigen Überbleibsel von Herodes' Tempelbau, die Muslime verwalten den Tempelberg selbst mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee.

Im restlichen Jerusalem hingegen hat Israel seine Staatsgewalt zwar durchgesetzt, jedoch an der demographischen Teilung der Stadt nichts zu ändern vermocht. Trotz Versuchen von Siedlerorganisationen, mit Unterstützung der Regierung jüdische Haushalte im arabisch dominierten Osten der Stadt um die Altstadt herum zu verankern, sind noch heute mehr als 80 Prozent der Wohnbevölkerung im "heiligen Becken" Araber. Weil Ostjerusalem nach internationalem Recht als illegal besetzt gilt und dessen Status nur in israelisch-palästinensischen Verhandlungen gelöst werden kann, ist die Legitimität der israelischen Herrschaft über das alte Zentrum der Stadt nicht unumstritten. In dieser Situation kann Archäologie dazu benutzt werden, politische Ansprüche mit historischen Funden zu untermauern – das zumindest glaubt Yonathan Mizrachi, Archäologe und Aktivist für israelisch-palästinensische Koexistenz.

Wie für Gabriel Barkay ist Jerusalem auch für Mizrachi (44) Zentrum seiner Arbeit. Allerdings nicht als Ausgrabungsstätte, sondern als Schaukasten, wie national geförderte Archäologie in die Struktur einer Stadt eingreifen kann und ihr Gesicht verändert. Dafür hat Mizrachi die NGO Emek Shaveh gegründet, die mittels Touren und Broschüren die Geschichte von Jerusalem aufschlüsseln will, "und zwar die gesamte Geschichte", betont Mizrachi, "nicht nur ausgewählte Epochen."

Was er damit meint, kann man in Sichtweite zum Tempelberg beobachten. Am Südhang des Altstadthügels befindet sich der Archäologiepark "Ir David", die Stadt Davids, wo seit 1967 nach den ältesten jüdischen Spuren der Stadt gegraben wird. Zur Zeit von König David, der laut der Bibel die Stadt für die alten Israeliten erobert und sie zu ihrer Hauptstadt erkürt hatte, verlief die Siedlung nicht vom Tempelberg aus westwärts wie die heutige, aus osmanischer Zeit stammende Ummauerung der Altstadt, sondern südwärts, wo sich nun das palästinensische Dorf Silwan befindet. Tatsächlich haben die Grabungen Zisternen und Mauerreste hervorgebracht, deren tiefste und älteste Stücke fast 4000 Jahre zurück in die vorbiblische, kanaanitische Zeit reichen. Wozu aber die Mauern benutzt wurden, lässt sich nicht mehr verlässlich bestimmen. "Das ist das Problem von Archäologie in Jerusalem", sagt Mizrachi, "die Stadt wurde mehrfach erobert, niedergebrannt, von Erdbeben zerstört. Und neue Zivilisationen haben auf den Resten ihrer Vorgänger gebaut." So fließen byzantinische, osmanische und israelitische Mauerwerke ineinander, und was früher Teil eines herrschaftlichen Palast gewesen sein mag, kann später in Wohn- oder Werkhäuser umgewandelt worden sein. Den Touristen, die heute den Archäologiepark besuchen, wird die Fundstätte jedoch vorrangig als "Davidsstadt" präsentiert. Die Beschilderung des Rundgangs hebt mittels Zitaten aus dem Alten Testament die israelitische Periode hervor, und wer den Tourguides der "Ir David Foundation", die den Archäologiepark verwaltet, auf ihren Rundgängen zuhört, erhält eine bildhafte Vorstellung von der Herrschaft des legendären jüdischen Königs.

Diese Darstellung ist nicht frei von Kontroversen, wie Mizrachi erklärt: Die "Ir David Foundation" ist keine wissenschaftliche Stiftung, sondern steht der nationalreligiösen Siedlerbewegung Israels nahe und hat zum Ziel, die jüdische Präsenz in Ostjerusalem zu erhöhen. Von der israelischen Regierung hat die Organisation den Zuschlag zur Verwaltung der Anlage erhalten, um die Verbindung zwischen der Fundstätte aus der altisraelitischen Besiedlungsgeschichte der Stadt und dem modernen Staat Israel herauszustreichen. Der Hang südlich der Altstadt ist nicht der einzige Ort im historischen Zentrum von Jerusalem, an dem die "Ir David Foundation" aktiv ist: Sie finanziert auch Gabriel Barkays Siebungsarbeit durch die Erdhaufen vom Tempelberg. Und vor zwei Jahren haben rechtsnationale Politiker im Regierungskabinett durchgesetzt, dass ein seit 1970 bestehender Archäologiepark innerhalb der Altstadt, direkt am Fuß der Al-Aksa-Moschee gelegen, derselben Organisation übertragen werden soll. Yonathan Mizrachi hat im Namen seiner NGO Emek Shaveh dagegen beim Obersten Gerichtshof Protest eingelegt, das Urteil steht noch aus. Wie auch immer die Richter entscheiden mögen, die Tendenz ist für Mizrachi offensichtlich: "Seit Jahren wird versucht, wichtige historische Stätten in Jerusalem in die Hände rechtsnationaler Organisationen zu übergeben, um das multikulturelle Antlitz der Stadt zu verändern", sagt er. "Wissenschaft alleine schafft keine Emotionen, keine bleibenden Verbindungen. Die bildet man erst, wenn Ruinen ausschließlich über ihre jüdische Vergangenheit sprechen."

Gabriel Barkay ist sich der "politischen Agenda" seiner Geldgeber, der "Ir David Foundation", bewusst. "Aber sonst hat uns niemand die Hilfe angeboten. Weder der Staat Israel, noch die EU, noch westliche NGOs." Die "Ir David Foundation" sprang ein, "und zu meinem Erstaunen arbeite ich schon seit zehn Jahren mit ihnen, ohne dass sie je Einfluss genommen haben, was ich untersuchen und wie ich die Funde interpretieren soll." Und die politischen Narrative, der Vorzug bestimmter Epochen gegenüber anderen, die Nationalisierung der Archäologie in dieser umstrittenen Stadt? "Ich habe bereits in Jerusalem gearbeitet, als die Stadt noch zwischen Israel und Jordanien aufgeteilt war, und wenn wir zu nahe am Grenzzaun gruben, schossen die jordanischen Wächter auf uns", sagt Barkay. "Jerusalem ist eine komplizierte Stadt, sogar Niesen kann politisch sein, wenn man am falschen Ort steht. Aber als Archäologe ist einiges etwas einfacher geworden."