Geschenke haben etwas Magisches. So sahen es zumindest die alten Maori. Nach überliefertem Glauben soll die durch ein Geschenk "geschaffene Bindung eine Seelen-Bindung" sein, wie der Sozialforscher Marcel Mauss schrieb. Schenken ist also alles andere als einfach.


Der Franzose Marcel Mauss war einer der Ahnherrn einer Wissenschaft, die im neunzehnten Jahrhundert unter dem Namen "Soziologie" ins Leben gerufen worden war. Die Idee, die hinter dieser neuen Disziplin steckte, war von allem Anfang an, das gesellschaftliche Leben mit der gleichen methodischen Exaktheit zu erforschen, wie es damals für die Naturwissenschaften längst üblich war. Aber natürlich verhalten sich soziale Tatbestände anders als jene, mit denen sich die Physik beschäftigt. Dementsprechend schwierig ist es bis zum heutigen Tag geblieben, empirische Befunde über das menschliche Zusammenleben zu erstellen.
Mauss war ein Neffe des berühmten Emile Durkheim, eines Mannes, von dem klassische Werke der Soziologie stammten wie "Über die Teilung der sozialen Arbeit" (1893), "Die Regeln der soziologischen Methode" (1895) oder "Der Selbstmord" (1897), eine Studie, in der Durkheim als erster anhand von statistischem Material zeigt, dass Selbstmordraten je nach religiöser Konfession signifikant variieren und Erklärungen für diesen Sachverhalt sucht.
Trotz dieses berühmten Verwandten schaffte es der Neffe Marcel Mauss wissenschaftlich, einen eigenen Weg zu gehen. Er verlegte sich darauf, ethnologische Forschungsberichte auszuwerten, um auf diesem Weg zu grundlegenden Einsichten über das menschliche Zusammenleben zu kommen. Für ihn war das zentrale Thema das Geschenk und in "Die Gabe", seinem Hauptwerk aus dem Jahr 1923, untersucht er die Rolle, die Geschenke in verschiedenen "vor- und außerindustriellen Gesellschaften" spielen. "Was liegt in der gegebenen Sache für eine Kraft, die bewirkt, dass der Empfänger sie erwidert?" Um diese Frage zu beantworten, wertet Mauss umfangreiches Forschungsmaterial aus, das damals in Frankreich bereits zusammengetragen worden war.
Bei den Maori jener Zeit war noch die Rede vom "hau", dem Geist, der einer Sache innewohnt, ursprünglich vor allem bezogen auf den Wald und das darin lebende Wild. "Das, was in dem empfangenen oder ausgetauschten Geschenk verpflichtet, kommt daher, dass die empfangene Sache nicht leblos ist", notiert Mauss anhand der schriftlich niedergelegten Erklärungen des Maori Tamati Rainaipiri. "Selbst wenn der Geber sie abgetreten hat, ist sie noch ein Stück von ihm. Durch sie hat er Macht über den Empfänger."
Dieser merkwürdige Geist "hau", der Geschenken innewohnt, erscheint auch in der Arbeit, im Handel oder bei Festen. "Und das ist der Leitgedanke, der in Samoa und Neuseeland dem Zwangsumlauf von Reichtümern, Tributen und Gaben zugrunde zu liegen scheint." Ein Gedanke, den Mauss übrigens in seinen Schlussfolgerungen auf erstaunliche Weise noch einmal aufgreift: Da fordert er nämlich für sein Frankreich, das noch vom Weltkrieg zerrüttet war, die Einführung einer Arbeitslosenversicherung und die Einrichtung eines sozialen Netzes, um den Notleidenden etwas von dem zurückzugeben, was sie für die Gesellschaft geleistet haben.