Krieg des Schenkens

Eine ausgeprägte Kultur des Schenkens gab es aber keineswegs nur bei den Maori. Das Volk der Kwakiutl, ein in Kanada ansässiger Indianerstamm, pflegte eine einzigartige Form des Schenkens, den Potlatsch. Bei diesem "Fest des Schenkens", das übrigens seit dem Jahr 1884 von den kanadischen Behörden offiziell verboten war, um die Verarmung ganzer Stämme zu verhindern, trafen Häuptlinge oder Clans zusammen, um ihre Gäste gnadenlos mit Geschenken zu überhäufen: Waffen, Hausrat, Schmuck und vor allem Kupfer, das besonders hoch im Kurs stand.
Bei einem ausufernden Potlatsch konnte es vorkommen, dass zum Höhepunkt des Festes wertvolle Güter, die nicht verschenkt worden waren, rituell zerstört wurden, um den Wohlstand des Schenkenden drastisch zu unterstreichen. Manche Quellen sprechen sogar davon, dass in Einzelfällen auch Sklaven im Pazifik ertränkt worden seien, um den Überfluss deutlich zu machen, aus dem die Gastgeber schöpfen konnten. Beim letzten illegalen Potlatsch, der allen Verboten zum Trotz im Jahr 1936 stattfand, wurden angeblich in einem Durchgang 30.000 kostbare handgewebte Decken verschenkt. Außerdem sollen gravierte Kupferplatten in Wert von vielen tausend Dollar demonstrativ im Meer versenkt worden sein.
"Verbrauch und Zerstörung", schreibt Mauss über die rituellen Geschenksorgien der Kwakiutl, "sind so gut wie unbegrenzt. Bei einigen Potlatsch ist man gezwungen, alles auszugeben, was man besitzt; man darf nichts zurückbehalten. Derjenige, der seinen Reichtum am verschwenderischsten ausgibt, gewinnt an Prestige." In diesem Zusammenhang unterstreicht der Soziologe den aggressiven Charakter des Schenkens beim Potlatsch und spricht auch manchmal vom "Krieg des Schenkens", bei dem es für Häuptlinge und ihre Stämme um die Ehre, das heißt um ihre soziale Existenz ging. Denn der, der ein Geschenk nicht erwidert und es mit einem Gegengeschenk übertrifft, ist gesellschaftlich erledigt.
Am Potlatsch studierte Mauss "die monströse Ausgeburt des Geschenksystems", eine soziale Mechanik, die auch andere Gesellschaften kennen. Kerngedanke ist dabei die Erwartung, die mit dem Geschenk verbunden ist, nämlich die, dass es mit einer Gegengabe erwidert wird. Der Beschenkte wird also zum Schuldner des Schenkenden, der ein Anrecht auf eine Vergeltung seiner Gabe hat, womit eine soziale Beziehung entsteht.

Raubzüge