Was bedeutet die Welt? - ©nj_musik - stock.adobe.com
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Konrad Paul Liessmann: "Philosophie steht heute hoch im Kurs."

- © Robert Newald
Konrad Paul Liessmann: "Philosophie steht heute hoch im Kurs."
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Man schrieb den März des Jahres 399 vor Christus, ein Datum, das fast 2500 Jahre zurückliegt. Auf einem öffentlichen Platz der Stadt Athen versammelten sich 501 Geschworene. Wenn man das Publikum dazu rechnet, das der Verhandlung beiwohnte, muss sich eine beachtliche Menschenmenge eingefunden haben. Vor Gericht stand nämlich Sokrates, 70 Jahre alt und stadtbekannter Philosoph. Die Anklage warf ihm zwei Vergehen vor: erstens eine verächtliche Haltung gegenüber den Göttern, die im Stadtstaat Athen verehrt wurden, und zweitens einen negativen Einfluss auf die Jugend.

In seiner Verteidigungsrede wies Sokrates die Anklage in beiden Punkten zurück. Vor allem betonte er, dass die Debatten, die er mit jungen Leute auf dem Marktplatz von Athen führte, zu deren Entwicklung zu selbständig denkenden Bürgern beitrugen und dass der Staat geistige Unruhe-Stifter wie ihn dringend brauche.

Bis zu einem gewissen Grad schien ein Teil der Geschworenen für die Argumente des Philosophen zugänglich, denn das Urteil fiel knapp aus: Mit 281 gegen 220 Stimmen wurde Sokrates im Sinne der Anklage für schuldig befunden. Doch danach, als es um das Strafmaß ging, machte der Philosoph keinerlei Anstalten, um Gnade zu bitten, wie man es von anderen Verurteilten gewohnt war, sondern betonte stattdessen aufs Neue, dass er für sein philosophisches Tun nicht eine Verurteilung, sondern höchste Auszeichnungen verdient hätte. Nach dieser stolzen Rede schlug die Stimmung unter den Geschworenen um und bei der nächsten Abstimmung votierten 361 der 501 Geschworenen für die Todesstrafe.

Sokrates, der übrigens alle Angebote ausschlug, rechtzeitig vor Vollstreckung des Urteils aus Athen zu fliehen, war einer der frühen Vertreter einer geistigen Disziplin im alten Griechenland, die Philosophie genannt wurde, also wörtlich übersetzt "Liebe zur Weisheit". Ihre frühen Vertreter, die heute Vorsokratiker genannt werden, lassen sich bis ins Jahr 600 vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgen, zu dem Mathematiker Thales, der in der Stadt Milet an der Westküste der Türkei lebte. Nach heutigem Wissensstand war er der erste, der versuchte, eine für den Verstand schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Anfang aller Dinge zu suchen, eine Frage, die viele Jahrhunderte später zur Theorie des Urknalls führen sollte.

Befreiung des Denkens