Sommerträume - © mishkom/getty
Sommerträume - © mishkom/getty

Die Frage ist, was er Reisende erzählt: Kommt darauf an, was er bereit ist, zu sehen. Ob Reisen wirklich bildet, den Horizont auch geistig erweitert oder einen zu einem empathischeren Menschen macht, ist keinesfalls erwiesen. Ob Ortswechsel, Umzug – vielleicht sogar in ein fremdes Land – jemanden deutlich verändert, ist fraglich. Und ob "Reisen im Kopf", das Lesen, das Kulturleben, die Musik oder das Theater das Denken wirklich beeinflussen, und wenn, in welche Richtung, lässt sich schwer fassen. Dass es verändert, wie jeder Eindruck von außen, ist klar. Interessant wird es bei der Frage nach dem Wie.

"Beim Wegfall von Stress und Druck, bei neuem Input, neuen Eindrücken kombiniert mit Leerlauf, auch durch Tagträume entsteht Kreativität: Probleme können aus anderen Blickwinkeln betrachtet und oft gelöst, belastende Anforderungen anders bewertet werden. Dieser entspannte Zustand ist nur leider meist nach spätestens zwei Wochen vorbei, deshalb empfehlen sich öftere Urlaube, möglichst dreimal im Jahr, sieben bis zehn Tage bringen bereits merkbare Erholung."

In früheren Zeiten, als sich Information aus fremden Ländern auf Berichte von Handlungsreisenden beschränkte, als Reisen meist Wallfahren bedeutete und der Bewegungsradius noch sehr klein war – Wikinger, Missionare, Forscher und Abenteurer ausgenommen –, als man sich zu Fuß zu den Olympischen Spielen aufmachte und später auf dem Jakobsweg seiner Sünden gedachte, war wohl das Interesse an den durchwanderten Gebieten auf das Durchwandern beschränkt. Aber es gab schon "Reiseliteratur", wie die Berichte des Herodot, der sich allerdings auch nur auf Erzählungen berufen konnte. Oder von Marco Polo, der als Handlungsreisender bis nach China gekommen sein will – ob echt oder nur in seiner Phantasie ist nicht geklärt. Aber wer konnte schon lesen? Oder sich Geschriebenes oder später Gedrucktes leisten? Die ersten waren sicher Phantasiereisen, aber die setzten sich aus Dingen zusammen, die man ohnehin schon kannte: Monster waren vergrößerte, seltsam kombinierte Tiere, Landschaften dem Bekannten entnommen. Die Berge standen dann halt auf dem Kopf, Bäume wuchsen mit den Wurzeln nach oben und die Menschen trugen den Kopf unter dem Arm oder redeten mit dem Bauchnabel.
Die sogenannten Bildungsreisen oder Cavaliersreisen durch Mitteleuropa, Spanien, Italien und manchmal bis ins Heilige Land begannen bereits im 16. Jahrhundert, als europäische Adelige und später auch wohlhabende Bürger ihre Söhne auf die "Grand Tour" schickten, um ihnen den letzten Schliff zu geben, ihre Bildung durch Selbsterlebtes zu vertiefen: Baudenkmäler aus Antike, Mittelalter und Renaissance waren zu besichtigen, fremde Kulturen und Sitten zu beobachten und Sprachkenntnisse zu sammeln. Vor allem in England legte man großen Wert auf diese Art der Erwachsenenbildung. Man ließ sich von berühmten französischen oder italienischen Fechtmeistern unterrichten, sammelte erotische Erfahrungen und knüpfte neue Freundschaften, netzwerkte also eifrig – denn nicht das wertfreie Verständnis, sondern der (letztlich doch gesellschaftliche oder geldliche) Prestige-Nutzen, den man aus diesen Kenntnissen ziehen konnte, war meist das eigentliche Motiv: Man nahm seine eigene Welt in riesigen Überseekoffern mit und ließ sich in der Ferne gerne so bedienen, wie man es von zu Hause gewohnt war. Das Reiseland und seine Bewohner wurden als pittoreske Kulisse benützt, über die man zu Hause dann in eleganter Konversation amüsiert erzählen konnte. Durchaus vergleichbar mit dem schnitzelessenden Urlauber in Caorle, oder dem Ballermann-Besucher auf Mallorca, der dort seinen Biergarten erwartet.