Arbeitswissenschaftlerin Köszegi ist überzeugt: "Es braucht sehr, sehr grundlegende Anstrengungen in der Bildung. Das muss vom primären bis zum tertiären Sektor reichen. Wir müssen die Menschen von Beginn an besser ausbilden."

Eine Institution aus dem tertiären Bereich, der die Anpassung gelingt, ist die WU Wien. Dort hat man auf die neuen Herausforderungen reagiert, bietet bereits entsprechende Spezialisierungen an und ist dabei, die Studienpläne entsprechend zu reformieren. Die ehemalige IBM-Generaldirektorin und nunmehrige Vizerektorin Tatjana Oppitz formuliert die Herausforderung folgendermaßen: "Wie können wir die Fähigkeiten, die in Zukunft benötigt werden, also die berühmten ‚skills for the future‘ vermitteln?" Als Gesellschaft stehe man hier in der Tat am Anfang, räumt sie ein. "Aber es passiert sehr viel." Aus ihrer Sicht befinden wir uns momentan in einer Transformationsphase, mit all ihren widersprüchlichen Entwicklungen. Von daher ist sie optimistisch: "Ich mach mir keine Sorgen, dass uns das gelingen wird."

Die langfristigen Risiken niedriger Einkommen

Fasst man Arbeitsmarktpolitik weiter, so treten noch viele weitere Digitalisierungsherausforderungen zutage. Denn der Arbeitsmarkt ist deutlich dynamischer geworden, wie Ökonomin Mayrhuber zu bedenken gibt. Entsprechend stärker fluktuieren auch die Einkommen.

Viele Arbeitsplätze in der Industrie sind weggebrochen, dafür gibt es mehr Arbeit im Dienstleistungssektor – und dieser ist eben nicht gerade für lukrative Gehälter und stabile Beschäftigungsverhältnisse berühmt. Auch die Form der Beschäftigung hat sich verändert: Firmen haben aus Kostengründen Tätigkeiten ausgelagert, sodass eine große Gruppe an Neuen Selbständigen entstanden ist. "Es gibt mehr Teilzeitbeschäftigung, seit den 1990er-Jahren sind Phänomene wie geringfügige und atypische Beschäftigung dazu gekommen", erläutert Mayrhuber. "Somit wirkt ein beitragsorientiertes Sozialversicherungssystem schlechter, ganz unabhängig von der Digitalisierung."

Damit nicht genug: "Vor 2017 stagnierte das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen, seither steigt es nur leicht an", erklärt Mayrhuber. "Zugleich hat sich die Beschäftigungszahl enorm erhöht." Die Folge: "Das Arbeitsvolumen muss auf mehr Köpfe aufgeteilt werden." Der Druck zur Teilzeit wächst. Hier wiederum sind zwei Phänomene zu beobachten: Einerseits gibt es "eine riesengroße Gruppe, die unfreiwillig Teilzeit beschäftigt ist", so Mayrhuber. Auf der anderen Seite steht eine große Zahl an Arbeitslosen: "Die Republik gewöhnt sich daran, dass wir 300.000 Arbeitslose haben. Das ist katastrophal", hält die Ökonomin fest.

Aus ihrer Sicht wird sich diese Situation in Zukunft noch verschärfen: "Es wird mehr Kämpfe zwischen jenen geben, die viel Arbeit haben, und jenen, die arbeitslos sind." Arbeitszeitverkürzung ist denn auch ein Stichwort, das immer mehr Ökonomen fallen lassen. Denn sie ist eine Möglichkeit, die Arbeitszeit umzuverteilen.

Brauchen wir weniger Arbeit für mehr Geld?

In der  Industriellenvereinigung  (IV) zweifelt man an den Einwänden und lehnt den Lösungsvorschlag Arbeitszeitverkürzung bei mehr Lohn ab. Die hohe Arbeitslosigkeit sei natürlich ein Problem – aber eines, das zu bewältigen sei, ist Clemens Wallner überzeugt. Wallner ist der wirtschaftspolitische Koordinator der IV. Die Ursache der Arbeitslosigkeit, sagt er, sei ein "Mismatch". Es gelänge einfach nicht gut genug, Arbeitssuchende und offene Stellen zusammenzubringen. Die Arbeitslosenstatistik sei zudem nicht aussagekräftig: "Nicht alle Jobs werden über das Arbeitsmarktservice vermittelt", argumentiert er. Dass momentan insbesondere die Langzeitarbeitslosigkeit hoch ist sowie jene von älteren und kranken Menschen, räumt Wallner ein.

Seinen Optimismus trübt dies nicht, vor allem nicht mit Blick auf die Digitalisierung. Sie weist für ihn den Weg aus der Problematik: "Die Anzahl der Jobs wird steigen und auch die Löhne", ist Wallner von der positiven Entwicklung überzeugt. Die Digitalisierung werde insbesondere höher qualifizierte Arbeitsplätze schaffen, somit sei auch damit zu rechnen, dass längerfristig die Lohnsumme wieder steige.

Dieser geradezu ungebrochene Optimismus aufseiten der Wirtschaft prallt auf die skeptischen Beobachtungen der Wissenschaft. Denn in ungeahnter Geschwindigkeit stellen Digitalisierung und Automatisierung so manche Annahmen auf den Kopf. Eine davon ist jene, wonach nur schlecht bezahlte Routinetätigkeiten wegfallen werden. "Was wir schon gewohnt waren ist, dass die Automatisierung in der Fertigung stattfindet", erläutert Köszegi. "Hier gab es schon große Umbrüche. Aber jetzt erfasst sie auch Jobs, die man unter dem Schlagwort Knowledge Worker zusammenfassen kann."

Eine von vielen guten Nachrichten, die auch das Thema Digitalisierung in einem durchaus positiven Licht erscheinen lassen: "Die Produktivität steigt nach wie vor", so Mayrhuber. Die Kehrseite der Produktivitätsgewinne wiederum: "Es wird so bleiben, dass es nicht mehr alle Beschäftigten braucht", vermutet sie. Auch ihre Kollegin Köszegi und die Politikwissenschaftlerin Prainsack sehen dies ähnlich. Spricht man also nicht darüber, wie diese Produktivitätsgewinne verteilt werden, sieht es in der Tat schlecht für die soziale Sicherheit aus.

Die Digitalisierung mit Steuern steuern

Möglichkeiten, Menschen unabhängig von Erwerbsarbeit sozial abzusichern, gibt es viele. Ausgehend vom jetzigen System denkt Wifo-Ökonomin Mayrhuber etwa an "eine höhere bedarfsorientierte Mindestsicherung". Andere diskutierte Varianten sind eine Grundsicherung oder ein Grundeinkommen. Völlig offen aber ist, woher die Mittel kommen sollen, um eine solche neue Form der sozialen Absicherung zu finanzieren.
In der Industriellenvereinigung bestreitet man, dass neue Finanzquellen notwendig sind. Den Reformbedarf ortet man vielmehr woanders: "Wir müssen die Ausgaben effizienter machen", sagt Wallner.

In einer geschickten Ausgabenpolitik steckt aus seiner Sicht ein Einsparungspotenzial von vier Prozent des BIP. Als Beispiel nennt er das Bildungssystem: "Wir haben die zweithöchsten Bildungsausgaben in der EU und trotzdem schneiden wir bei Pisa schlecht ab. Der Input-Output stimmt also nicht", betont Wallner. Ähnliches gelte für das Gesundheitssystem oder für Familienförderungen. Neben diesen Einsparungen setzt die IV auf eine intrinsische Lösung, die keine weiteren Kosten oder Handlungsbedarf verursacht: Durch die Digitalisierung und die damit verbundenen Produktivitätssteigerungen werden mehr Jobs entstehen als wegfallen, ist Wallner überzeugt.

Wäre eine Maschinensteuer das Ende der Digitalisierung?

Freilich könnte es durchaus sein, dass sich die hoffnungsvollen Annahmen der Industriellenvereinigung bestätigen. Allerdings könnte es genauso sein, dass es enormer Anstrengungen bedarf und vermutlich auch mehr Geld nötig sein wird. Folgt man der letzten Annahme, so muss man zumindest darüber diskutieren, aus welchen Quellen die zusätzlichen Mittel kommen könnten.

Eine Möglichkeit der Finanzierung könnte eine höhere Besteuerung von Erbschaften oder Vermögen sein oder eine Kombination aus beidem. Die Erbschafts- und die Vermögenssteuer sind in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern vergleichsweise gering, wie auch die OECD immer wieder bemängelt. Politologin Barbara Prainsack ist davon überzeugt, dass es ohne nicht geht – auch vom Standpunkt der Gerechtigkeit her: "Was Einkommen betrifft, steht Österreich bei der Verteilung sehr gut da. Bei den Vermögen aber ist die Situation katastrophal." Ihrer Ansicht nach muss das Geld "ganz eindeutig von den Vermögen und vom Kapital" kommen.

Dafür spricht, dass Gewinne massiv steigen, während die Reallöhne stagnieren. Mit Blick auf zu erwartende oder erhoffte Zugewinne durch die Digitalisierung formuliert Wifo-Ökonomin Mayrhuber die Frage folgendermaßen: "Wie kann man Automatisierungsgewinne so verwenden, dass man sie in die Gesellschaft zurückführt? Also wie resozialisiert man den höheren Output, den die Informationstechnik hervorbringt?"

In der IV ist man strikt gegen solche Steuern. Ähnlich steht man zu einer anderen Alternative, nämlich der Maschinensteuer oder Wertschöpfungsabgabe: "Diese wäre der Todesstoß für die Digitalisierung", sagt Wallner. Ob das nun eine berechtigte Angst ist oder nicht, ist ein noch nicht wirklich erschöpfend diskutiertes Thema. Eine Besteuerung der Kapitalseite – also der Maschinen, der Roboter, der Software etc. – stellt eine Möglichkeit dar, auch jene Unternehmen in die solidarische Pflicht zu nehmen, die aufgrund der Automatisierung weniger Arbeitskräfte beschäftigen als jene Firmen, die viele Tätigkeiten gar nicht automatisieren können.

Denkbar ist für manche auch eine Steuer auf Finanzströme, wie sie unter dem Titel Finanztransaktionssteuer schon länger diskutiert wird. Auch gäbe es durchaus Möglichkeiten, die Plattformunternehmen der digitalen Wirtschaft dazu zu zwingen, einen bestimmten Teil ihrer Einnahmen an jene Länder abzuführen, in denen sie wirtschaftlich tätig sind. Beispiel Airbnb: Für die Provision, die Vermieter an die Plattform zahlen, wird keine Steuer fällig. Für jene Vermietungen, die auf österreichischem Boden stattfinden, könnte man aber Steuern erheben. Das Problem: Wie diese eintreiben? Denn Steuerflucht ist ebenfalls eine Tatsache der globalisierten und digitalen Welt.

Keine einfache Debatte. Sie macht deutlich: Es sind die Menschen, die entscheiden müssen, wie sie ihre Zukunft in der digitalisierten Wirtschaft gestalten. Automatisch und von ganz alleine wird die Digitalisierung nicht gut. Oder, wie Politikwissenschaftlerin Prainsack es ausdrückt: "Es wird keine technische Lösung geben, sondern sie muss eine politische und soziale Entscheidung sein."

Die gesellschaftliche Diskussion ist, was das betrifft, jedenfalls noch ausbaufähig.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 30. Oktober 2019, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".