Manche sagen, jetzt sei die Zeit für ein neues Sozialsystem gekommen. Hört man sich aber unter Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern um, wird schnell klar: Das Problem ist in Konturen bekannt, aber konkrete Lösungsvorschläge gibt es kaum. Alle scheinen wie gebannt auf die europäische Wirtschaft zu blicken wie sie versucht, mit den technologischen Entwicklungen in den USA und China mitzuhalten. Wenn es um die Potenziale der Digitalisierung geht, kommen viele geradezu ins Schwärmen. Die Diskurse darüber, wie Sozialsysteme, gesellschaftlicher Wohlstand, die Absicherung vor den Risiken der Arbeitslosigkeit, des Alters, von Armut und Krankheit in einer digitalisierten Gesellschaft finanziert werden können – eine absolute Rarität.

Digitalisierung, ein weitgehend unbekanntes Wesen

Das erste Problem, über das man stolpert, ist das Wort Digitalisierung selbst. Denn so selbstverständlich der Begriff verwendet wird, so wenig eindeutig ist er. "Wir haben ein massives Abgrenzungsproblem", sagt Christine Mayrhuber vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Welche Veränderungen tatsächlich allein durch die Digitalisierung hervorgerufen werden, ist gar nicht so einfach zu ermitteln. Ist es schon Digitalisierung, wenn ein Roboter eingesetzt wird? Oder müsste man das nicht vielmehr unter Automatisierung verbuchen – und damit als ein Phänomen, das mit der Erfindung der Dampfmaschine seinen Ausgang genommen hat?

Ein Arbeiter am Bug des Kreuzfahrtschiffes "Norwegian Encore", das gerade den Baudock der Meyer Werft in Papenburg, Deutschland verlässt. - © APAweb / dpa / Mohssen Assanimoghaddam
Ein Arbeiter am Bug des Kreuzfahrtschiffes "Norwegian Encore", das gerade den Baudock der Meyer Werft in Papenburg, Deutschland verlässt. - © APAweb / dpa / Mohssen Assanimoghaddam

Hinzu kommt, dass auch die Digitalisierung selbst ein sehr dynamischer Prozess ist, was Prognosen in die Nähe der Kaffeesudleserei rückt. Vielleicht hilft tatsächlich der Blick zurück: Es war die Industrialisierung, durch die das Konzept der Lohnarbeit erst entstand und rund um diese Lohnarbeit wurde der Sozialstaat gestrickt. Wifo-Ökonomin Mayrhuber erläutert den Unterschied der Situation der 1970er Jahre im Vergleich zu heute: "Die Mehrheit der Industriearbeiter hatte stabile Arbeitsverhältnisse, es gab eine hohe Betriebsbindung und eine Senioritätsentlohnung." Der Wohlfahrtsstaat war rund um folgende Grundidee aufgebaut: "Wenn ich kurzfristig einen Arbeitsplatz verliere, habe ich eine soziale Absicherung", fasst die Ökonomin zusammen. Die heutige Arbeitswelt aber sieht völlig anders aus.

Wird die Arbeit abgeschafft?

Wird die Zukunft der Arbeit eine Zukunft ohne Arbeit sein? Die Wissenschaftlerin Sabine Köszegi antwortet darauf mit einem klaren "Nein". Köszegi ist Arbeitswissenschaftlerin an der TU Wien und Mitglied des österreichischen Robotikrats. "Es werden nicht Jobs wegfallen, vielmehr werden sich Jobprofile verändern", ist Sabine Köszegi ausgehend von den bisherigen Forschungsergebnissen sicher.

Dieser Trend zur Anpassung der Jobprofile sei mehr oder weniger in allen Branchen zu beobachten. Als Beispiel nennt Köszegi den Flugverkehr, in dem von der Buchung bis zum Check In schon alles von den Konsumenten selbst durchgeführt wird. Das Erstaunliche dabei: "Die AUA hat nicht weniger Mitarbeiter, dafür mehr in anderen Bereichen als früher", so Köszegi. Ihre Prognose für die Zukunft: "Man kann damit rechnen, dass Standard- oder Routinetätigkeiten wegfallen werden. Was sich nicht bewahrheiten wird, ist, dass jeder zweite Job wegfallen wird. Das ist empirisch bereits widerlegt." Sehr wohl aber werden sich die Jobs selbst, also die verrichteten Tätigkeiten, verändern.