Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.
Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

Am Palmsonntag hätten die Massen in Jerusalem Jesus zugejubelt, am Karfreitag hätten sie "Ans Kreuz mit ihm!" gerufen. So schwankend sei die Meinung des Volkes, sagte jüngst der Banker und Malteser-Ritter Christof T. Zellenberg am Sonntagabend in der ORF-Sendung "Im Zentrum". Daher sei auf Umfragen nichts zu geben. Auf die Idee, dass es sich um zwei verschiedene Gruppen gehandelt haben könnte - wahrscheinlich war beim Einzug in Jerusalem mehr das einfache Volk, im Vorhof des Statthalters Pontius Pilatus aber vorwiegend die Anhängerschaft der damaligen religiösen Machthaber anwesend -, kam Zellenberg nicht, oder sie passte nicht in seine Argumentation.

Während die Bischöfe mit der Pfarrerinitiative, die den "Aufruf zum Ungehorsam" gestartet hat, in Gespräche eintreten wollen, schlagen die konservativen Hardliner unter Österreichs katholischen Laien einen anderen Ton an. Der ORF, der ja gerne Öl ins katholische Feuer gießt, hat sie, sicher genüsslich, wieder einmal zu Wort kommen lassen. Sie sprechen eine klarere Sprache als die Bischöfe.

"Werdet doch Protestanten!" lautete der unverhohlene Rat von Zellenberg, unterstützt vom BZÖ-Politiker Ewald Stadler, an die Befürworter von Reformen in der römisch-katholischen Kirche. Bei den Evangelischen sei ja längst erlaubt, was ständig gefordert werde (etwa die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern, die Aufhebung der Zölibatsverpflichtung für Priester, die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion oder von qualifizierten Laien zu Predigten). Eine interessante Frage: Würde ein Exodus aller Reformer die römisch-katholische Kirche entscheidend schwächen oder sie gesundschrumpfen lassen?

Eine vom Pastoraltheologen Paul Zulehner verantwortete Umfrage, wonach 70 bis 80 Prozent der Priester und des Kirchenvolkes die Anliegen des Aufrufs weitgehend unterstützen, wird vom rechten Kirchenflügel nicht ernst genommen. Denn erstens seien (siehe oben) die Meinungen schwankend, zweitens sei die Umfrage gefälscht, und drittens habe in der katholischen Kirche sowieso nicht die Mehrheit, sondern das Lehramt recht (wiewohl zum Beispiel die Piusbruderschaft, der Ewald Stadler etliche Jahre engagiert angehörte, auch nicht alles schlucken will, was aus Rom kommt).

Faktum ist, dass etliche Punkte des Pfarrer-Aufrufs, weil sie entweder schon oft gefordert wurden oder längst da und dort praktiziert werden, keineswegs neu sind. Neu ist nur, dass diesmal nicht irgendwelche Laien, sondern Teile des Kernpersonals, angeführt vom ehemaligen Caritas-Direktor und Generalvikar der Erzdiözese Wien, Helmut Schüller, auf die Barrikaden gestiegen sind. An die 400 Mitglieder soll die Pfarrerinitiative bereits zählen, also fast 10 Prozent der knapp über 4000 Männer zählenden Priesterschaft in Österreich.