Es gibt ein schwerwiegendes Unglück in jedem Büro, selbst im hellsten und luftigsten: Wir sind einfach nicht dafür gemacht. Was die Vorfahren zweihunderttausend Jahre lang getan haben, dass lässt sich in 100 Jahren nur zu Lasten der Bandscheiben vergessen. Wir sind eine Spezies, die aufrecht lebt. Vom Sitzen tagaus, tagein war nie die Rede.

Im ganz modernen Büro, wie es in den USA von den großen Internetfirmen eingerichtet wird, ist Bewegung ganz natürlich. Man darf die Besprechung als Basketballspiel organisieren, oder im Garten Peripatetiker sein. Das ist die gemütliche Seite der neoliberalen Generalmobilmachung. Eherne Strukturen wurden so weit verflüssigt und starre Hierarchien so tief eingeebnet, dass sie bequem in jeden Kopf gehen. Jeder ist sein eigener Chef, alles steht permanent auf dem Prüfstand, die Performance wird stets diskutiert, die Ziele werden permanent evaluiert. Da sind Angestellte, die im Freien, am Strand oder daheim mit Smartphone und Tablets per Videochat ohnehin auf ewig dem Team verbunden sind, überhaupt kein Problem.

Alle Personalchefs, die eher der Arbeitswelt 1.0 anhängen, werden deshalb mit Freude den Rückruf der Yahoo-Chefin Marissa Mayer gehört haben, die ihren Mitarbeitern wieder Anwesenheitspflicht im Büro verordnet hat. Seit Anfang Juni hocken sie wieder am Schreibtisch. Immerhin ist das Mittagessen gratis.

Es besteht jedoch der Verdacht, dass es Frau Mayer gar nicht so sehr um das Gemeinschaftserlebnis ging. Es könnte sein, dass sie einfach nur die Behäbigkeit, die man dem Yahoo-Konzern nachsagt, durch eine Schocktherapie überwinden wollte. Aufgeregte Arbeitnehmer sind immer noch besser als müde.

Auch im modernen Büro ist es nicht unmöglich, jene drei Fragen über Gebühr zu stellen, die das mausgraue Wesen der Bürokratie alter Schule ausmachen: Muss es getan werden? Muss es jetzt getan werden? Muss es jetzt von mir getan werden? Solche Versuche zur Entschleunigung wird es immer geben. Im modernen Büro lassen sich Lücken in der Leistungsbilanz durch Geschicklichkeit in der Selbstdarstellung locker wettmachen - zumindest bis zum nächsten Crash.

In den USA, wo man bei der Arbeit keinen Spaß versteht, wurden die divergierenden Bürowelten sorgfältig untersucht. Im Home-Office, so das Fazit, arbeitet man schneller und effizienter. In der Gemeinschaft eines konventionellen Büros werden Ideen besser und schneller ausgebrütet, wenn es die lokale Wechselwirkung der Eigenheiten zulässt. Es läuft in Wahrheit darauf hinaus, dass man das Beste aus beiden Welten nutzt.

Der wahre Gegensatz zum Büro ist nicht das Home-Office, sondern das Bett. Peter Sloterdijk hat in seinem Buch "Zeilen und Tage" in einer Notiz den "Streik gegen den Tag" ausgerufen, "gegen die Termine, gegen die Idee der Verpflichtung, ja gegen den Beruf überhaupt". Und der Philosoph erteilte sich den revolutionären Rat: "Bleib liegen."