Den einen kleinen Mann kennt jeder. Er steht an einer Häuserecke und wird fast rund um die Uhr von dutzenden Menschen beim Pinkeln beobachtet. Der Manneken Pis, die Bronzestatue des urinierenden Buben, ist genauso ein Wahrzeichen Brüssels wie das Atomium oder der große Marktplatz mit seinen goldverzierten Zunfthäusern.

Aber da gibt es noch einen anderen kleinen Kerl, der aus  Belgien stammt. Genauer genommen gibt es eine ganze Menge von ihnen, und sie sind ebenfalls berühmt. Sie sind blau, tragen weiße Mützen, leben in runden Häusern und werden von einem fiesen Zauberer verfolgt. Jawohl, die Schlümpfe sind Belgier. Sie waren die erfolgreichste Kreation des belgischen Comiczeichners Pierre Culliford, der das Pseudonym Peyo angenommen hatte.

Zugegeben, bis vor kurzem habe ich das nicht gewusst. Doch als mich ein vor Jahren nach Belgien immigrierter walisischer Bekannter darüber aufklärte, war ich begeistert. Gerade eben bin ich nach Brüssel gezogen, hatte mit den üblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die ein Anfänger in einer neuen Stadt nun einmal zu bewältigen hat, musste mich in den Straßen wie in den EU-Institutionen zurecht finden, und die nordeuropäischen Kälteeinbrüche erleichterten mir die Sache auch nicht.

Doch dann erfuhr ich, dass die Schlümpfe Belgier sind. Das gab Kraft und Hoffnung. Und es brachte Brüssel etliche Sympathiepunkte. Wenn dieses Völkchen erfolgreich Gefahren abwehren kann, dann muss es doch um einiges leichter fallen, als Mensch den Regenschauern und Windstößen zu trotzen. Wenn die kleinen Blauen es schaffen, sich nicht im großen Wald zu verlaufen, dann wird es umso schneller erlernbar sein, sich in dem EU-Viertel mit seinen riesigen gläsernen Bürobauten zurechtzufinden. Und noch dazu lassen sich die Schlümpfe als Gegenargument für all jene verwenden, die über Brüssel nur die Nase rümpfen können – angefangen von französischen Dichtern des 19. Jahrhunderts, die vor ihren Gläubigern nach Belgien geflüchtet waren und hier nach eigenen Angaben unter der provinziellen Enge und Inspirationslosigkeit litten, bis hin zu den heutigen EU-Skeptikern, die die Hauptstadt der Europäischen Union als Beamtenhochburg und aufgeblasene Regulierungsmaschinerie ansehen.

Der Euroschlumpf – das wäre doch etwas. Es wäre endlich wieder einmal ein Wort, das mit "Euro-" anfängt und positiv besetzt ist. Es wäre ein hübscher Kontrapunkt zu "Eurokraten", "Eurokrise", "Euroskepsis". Denn viele Menschen mögen die Schlümpfe einfach. Sie können ihnen nicht böse sein, auch wenn sie aus Brüssel kommen.

Doch bevor mein Freund aus Großbritannien und ich den Werbefeldzug für Europa mit Hilfe der Schlümpfe planten, beschlossen wir das zu tun, was die Menschen in dem Lokal um uns herum schon die ganze Zeit taten: eine von den mehreren Dutzend belgischen Biersorten zu probieren. Und dann verwarfen wir den Arbeitstitel für unsere Kampagne. "Euroschlumpf – blau in Brüssel": Das würde vielleicht doch ein schiefes Licht auf unsere kleinen Freunde werfen. Auf die Menschen, die sich das ausgedacht haben, vielleicht auch.