Vier Amts-, zwei weitere Dutzend Arbeits- und eine Menge anderer Sprachen: Nicht nur bei Linguisten müsste das Gemisch in Brüssel lebhaftes Interesse wecken. Auch Soziologen hätten hier ein Betätigungsfeld. Denn es gibt da noch eine zusätzliche Sprache, die sowohl berufliche Bereiche abdeckt als auch in gesellschaftlichen Beziehungen zur Anwendung kommt: die EU-Brüssel-Sprache.

Sie manifestiert sich zum einen in spezifischen Bezeichnungen und Abkürzungen für Institutionen, Vorgänge oder Regelungen. Hinter dem Wort Coreper etwa steckt eine Sitzung der Botschafter; und etwas, das "Gack" ausgesprochen wird, bezeichnet ein Treffen der Außen- und Europaminister. Zum anderen gibt es so manchen Terminus technicus für diverse Euro-Rettungsschirme oder Vorschriften, wieviel Geld eine Bank zurückzulegen hat. Im zweiten Fall klingt die Abkürzung sogar zugänglicher: CRD ist allemal schneller gesagt als Eigenkapitalanforderungsrichtlinie.

Bei zwischenmenschlichen Begegnungen in der EU-Welt gilt es ebenso, sich den richtigen Umgangston anzueignen. Das ist unumgänglich, um in den Konversationen auf Empfängen oder Sommerfesten bestehen und auf Fragen die angemessene Antwort geben zu können. Seit kurzem bin ich ein Stück besser dafür gerüstet.

Und das kam so: Auf einem Sommerfest, einer beruflichen Veranstaltung, die dazu dient, in geselliger Atmosphäre Kontakte zu pflegen, richtete jemand die Frage an mich, wie lange ich noch hier sei. "Sicher noch länger", gab ich leicht erstaunt zurück. Bei der zweiten derartigen Anfrage war ich irritiert. "Ich habe nicht vor, so schnell wieder weg zu sein", antwortete ich. Und der dritten Person gab ich schon leicht schroff die Auskunft, dass ich gerade einen Arbeitsvertrag von längerer Dauer unterschrieben hätte. Warum also wollten alle von mir wissen, wann ich Brüssel wieder verlassen würde?

Mein Gesprächspartner setzte ein mildes Lächeln auf. "Ach, ein Neuling", schien es voller Sympathie zum Ausdruck zu bringen. Die Ursache des Kommunikationsproblems ward auf einmal verstanden. Es war simpel: Es war Sommer, die Arbeitspause zur Jahresmitte war angebrochen, das EU-Parlament hatte seine Pforten geschlossen, andere Institutionen würden bald folgen. Viele hatten die Stadt bereits verlassen, andere waren soeben im Begriff, ihren Urlaub anzutreten. Nur diesem waren die Fragen gewidmet, nicht meinem generellen Aufenthalt in Belgien. Aber woher hätte ich denn wissen sollen, dass der Satz ab Juli eine ganz eigene Bedeutung annimmt?

Beim nächsten Mal werde ich mich nicht mehr wie ein Anfänger anstellen. Die Weihnachtsferien im Blick, werde ich schon Anfang November beginnen zu fragen: "Und, wie lange sind Sie noch da?" Wenn dann jemand irritiert die Augenbrauen hebt, werde ich milde und verständnisvoll lächeln.