Doch es sind weniger Ruhm und Ehre, die Skispringer zu Skispringern werden lassen, als vielmehr eine bestimmte Emotion, ein spezielles Gefühl der Leichtigkeit. "Es hat mich getragen", sagen sie dann. "Mir ist der Knopf mit 14 Jahren aufgegangen", sagt Sprungästhet und Olympiasieger Anton Innauer.

"Es war im Frühjahr 1973 auf der 70-Meter-Schanze, als ich diesen überwältigenden Moment das erste Mal erlebte. Plötzlich sprang ich 15 Meter weiter als zuvor. Ich war auf einer Welle aus Luft. Es war ein irrsinnig schönes Gefühl." Aber was war geschehen? Was hatte Innauer diesmal anders gemacht?

Beginnt ein Kind Ski zu springen, versucht es erstmal, sicher zu springen. Es will ein System finden, mit dem es möglichst stabil und gefahrlos die Schanze hinunter kommt. "Damit es sich nicht jedes Mal zu Tode fürchten muss, wenn es da runterschaut", sagt Innauer. Junge Springer sind in der Luft zu senkrecht – also zu vertikal. Sie erreichen nach dem Absprung zwar einen hohen Luftstand, verlieren aber im Laufe des Sprungs an Geschwindigkeit.

Auf der Welle aus Luft

"Es gibt in der Flugkurve den Moment, kurz bevor man ins Fallen kommt, in dem der Springer denkt, er kippt nach vorne. Diesen Moment des Kippens muss er nur wenige Zehntelsekunden hinauszögern. Plötzlich drückt eine unsichtbare Kraft von unten gegen den Ski. Der Springer ist hoch und schnell gleichzeitig. Er macht nicht viel anders als zuvor, hat aber eine völlig andere Sensation", erklärt Innauer.

"Und dann wird man süchtig." Der Funke wird zum Flächenbrand.

Der Keil unter der Ferse bewirkt, dass man ständig das Gefühl hat nach vorne zu kippen. Ich stehe neben der Anlaufspur und warte. Gleich ist es soweit. Todesmutig werfen sich vor meinen Augen Sprunglaien von der Schanze.

Es ist der Traum vom Fliegen. Skispringer kommen ihm erstaunlich nahe. Der Zustand, auf einem Polster aus Luft über den Boden zu segeln, wird von den Spitzenspringern aller Generationen durch die Bank als der Grund genannt, den Sport auszuüben. "Wenn es dich einmal weglupft, kannst du eigentlich nicht mehr aufhören", sagte Gregor Schlierenzauer – aktiver Springer und Rekordsieger von 53 Weltcupspringen – vor Jahren in einem Interview.

Die göttliche Hand

"Wie eine göttliche Hand, die dich hinten nimmt, runter führt und alles von selber geschehen lässt", beschrieb ihn der ehemalige Schweizer Weltrekordhalter Walter Steiner in Werner Herzogs Dokumentarfilm "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner" in den 1970er-Jahren. "Das sind phantastische Erlebnisse."