"Dieses äußerst unangenehme Gefühl"

Mut heißt, sich von der Angst nicht diktieren zu lassen. Wie hoch die Anspannung beim Skispringen ist, merkt man erst, wenn man damit aufhört. Ich dachte immer, ich sei wahnsinnig locker, dabei waren alle Funktionen des Körpers und Denkens auf einem unwahrscheinlich hohen Erregungsniveau. Ich war hellwach. Als Springer hält man das für normal."

Die vorgefertigte Keramikspur kostet am meisten Überwindung. Sie gibt den Weg vor. Lässt man den Balken einmal los, muss man ausbaden was kommt. Es ist nicht möglich, die Schanze kontemplativ im Pflug zu erfahren.

Diese Anspannung potenziert sich bei einer besonderen Variante des Skisprungs – dem Skiflug. Schneller, höher und vor allem weiter lautet hier die Devise. In einer Sportart, die sich über die gesprungene Weite definiert, gilt Skifliegen naturgemäß als Königsklasse. Flugschanzen sind Giganten. Wie überdimensionierte Kunstwerke stehen sie in der Landschaft herum.

Weltweit gibt es nur fünf dieser wahnwitzigen Bauten. Auf zwei davon – der Letalnica bratov Gorišek (Skiflugschanze der Gebrüder Gorišek) im slowenischen Planica und dem norwegischen Vikersundbakken – ist es derzeit theoretisch möglich, Weltrekord zu springen. Die Jagd nach dem weitesten jemals gestandenen Skisprung fesselt die Zuseher seit Sepp Bradl 1936 als erster Mensch die 100-Meter-Marke knackte.

Damals beschrieb der Norweger Sigmund Ruud die Schanze in Planica als "den größten Abgrund, in den je ein Mensch sich vorsätzlich gestürzt hat." 70 Jahre später hält der Österreicher Stefan Kraft den Weltrekord mit unglaublichen 253,5 Metern.

Solche Distanzen ringen selbst abgebrühten Springern bange Worte ab. Der finnische Routinier und Seriensieger Janne Ahonen schilderte das Gefühl vor einem Skiflug in der Fernsehdokumentation "Die Überflieger" folgendermaßen: "Dieses äußerst unangenehme Gefühl macht es zu einer Herausforderung. Der Grund, warum ich Skispringer geworden bin, ist hier am deutlichsten spürbar. Die Anspannung, die Unsicherheit, die Selbstüberwindung. All das verdichtet sich genau an diesem Ort. Im Anlaufturm in Planica blickt man anderen Springern nicht nach. Es sieht von oben viel zu extrem aus. Wenn man anfangen würde den anderen nachzublicken, könnte man vor lauter Angst nicht mehr springen."