Der Furcht setzen Springer ungeheuerliches Vertrauen entgegen. Sie vertrauen auf ihre Fähigkeit, all die Unannehmlichkeiten, die das Skifliegen mit sich bringt, zu meistern. In seltenen Fällen geraten sie sogar in den "Flow", dem unerschütterlichen Gefühl, dass alles stimmt, dass alles funktionieren wird. Nur im "Flow" sind Seriensiege möglich.

Seriensiege im "Flow"

"Ein guter Sprung ist ein Gefühl. Es zu haben unterscheidet wahrscheinlich die allerbesten vom Rest", sagt Innauer. "Sie sitzen oben und wissen bereits, wie sich der Sprung anfühlen wird. Der Körper ist dann nur Ausführender dieses geilen Gefühls, wenn man optimal wegspringt und mit perfektem Drehmoment in die Flugphase geht."

Doch so schwer es ist in den "Flow" zu gelangen, so leicht ist es, ihn wieder zu verlieren. Etwa durch Stürze. Sie sind das "Worst-Case-Szenario" des Sprungsports. Schon leichte Windböen genügen, um das Flugsystem zu stören, die Skier abschmieren und die Körper wie Steine auf den Vorbau knallen zu lassen.

Genau das passierte am 18. März 1999 Waleri Kobelew in Planica. Der russische Skispringer überschlug sich mehrmals auf dem pickelharten Aufsprunghügel und musste im Auslauf reanimiert werden. Auch große Springer wie der Deutsche Jens Weißflog legten auf Flugschanzen erhebliche Bruchlandungen hin. Er stürzte 1983 im tschechischen Harrachov so schwer, dass er jahrelang auf Großschanzen in Panik geriet.

Das Spiel mit dem Grenzbereich

Solche Traumata können zu Karriereenden führen. Nach seinem schwerwiegenden Sturz vor drei Jahren am Kulm schaffte es Olympiasieger Thomas Morgenstern nicht mehr, angstfrei zu springen. Der Instinkt war stärker, seine Absprünge nicht mehr aggressiv genug, um mit der Weltspitze mithalten zu können. Es folgte der Rücktritt.

"Das ist wie beim Radfahren. Wenn man einmal in der Kurve wegrutscht, wird man sich das nächste Mal weniger weit in die Kurve legen. Man kennt den Grenzbereich, in dem ein Sturz passieren kann und weicht ihm instinktiv aus. Skispringen ist aber ein Spiel mit dem Grenzbereich. Die ersten zehn im Weltcup spielen es alle", sagt Innauer.

Ich spüre keine Thermik unter mir, habe kein berauschendes Gefühl der Leichtigkeit. Wie ein angeschossenes Suppenhuhn setze ich nach wenigen Metern auf. Der Aufsprung hört sich trotzdem brutal an. Ein harter Schlag auf Eis.

Im Skispringen sind Psyche und Timing bedeutender als Kraft. "Das Wissen, dass ich es kann, ist das Allerwichtigste", sagt Steiner in "Die Überflieger". Ein Sturz erschüttert dieses Wissen ungemein. "Wenn es nicht mehr funktioniert, kannst du dir einreden, was du willst, es geht nicht mehr. Das ist das Elend beim Skispringen."