Steiner wurde in den 1970er-Jahren regelrecht zu Stürzen gezwungen. In der Saison 1973 war er übermächtig. War der Anlauf für den Rest des Feldes am unteren Limit, sprang Steiner immer noch viel zu weit. Bei der Flugwoche im bayrischen Oberstdorf flog er zehn Meter über den damaligen Weltrekord und zerschellte im Radius der Schanze. Noch im Auslauf spielte er mit dem Gedanken, nie wieder Ski zu springen, seine Karriere zu beenden.

Der perfekte Sprung

Als Steiner damals in Oberstdorf den Weltrekord befeuerte, beobachtete ihn der 14-jährige Innauer. "Gemeinsam mit einem Freund saß ich in einer Baumkrone neben der Schanze, um das Eintrittsgeld zu sparen", sagt er. "Nur drei Jahre später sprang ich selbst hier und verbesserte zweimal den Weltrekord auf 174 und 176 Meter."

Den ersten Weltrekordsprung musste Innauer "zerstören um ihn zu überleben", wie er Jahre später in seiner Autobiografie schrieb. Hätte er den Sprung nicht abgebrochen, wäre er – den Berechnungen des Schweizer Wissenschaftlers Benno Nigg zufolge – erst bei 222 Meter gelandet und mit Sicherheit tödlich verunglückt. "Ich hob ab wie ein Raumschiff. Ich flog waagrecht vom Tisch ins Leere. Für einen Moment spürte ich die Schwerkraft nicht mehr. Ich fühlte eine Sekunde lang eine unendliche Befriedigung. Dann kriegte ich Angst. Es war ein Flug in eine andere Dimension. Ich kannte diese Dimension nicht."

Meine Konzentration ist voll und ganz darauf gerichtet, nicht die Kontrolle über diese klobigen Skier zu verlieren. Sie holpern den Auslauf hinunter. Nur nicht überkreuzen. Plötzlich geben sie nach. Die Kompression im Radius drückt mich auf die Stützen der Sprungschuhe. Ich falle nach hinten, und rutsche in den Zielraum. Die Ski sind noch dran, der Kopf ist es auch. Ich stehe auf, schnalle ab, und strecke die Arme jubilierend in die Höhe. Euphorie stellt sich ein. Jetzt bin ich tatsächlich Ski gesprungen. Der Gedanke bringt mich zum Strahlen. Doch das muss besser gehen. Ich schultere die Latten und stapfe den Hügel hinauf.

Der Sprung in den Radius der Schanze. Der Sprung weit über die Hill Size, am besten Schanzen- oder gar Weltrekord. Der perfekte Skisprung. Nach ihm lechzt das Publikum. Nach ihm lechzt der Springer.

Das Ende des Traums

Er giert nach diesem Gefühl der Leichtigkeit, nach dieser Euphorie, wenn er wie ein Falke über den Aufsprunghügel gleitet. Für diesen Moment stellt er sich der Furcht. Sie liegt wie ein verlockender Schatten über der uralten Sehnsucht der Menschheit – dem Traum vom Fliegen.

Skispringer träumen ihn lange. Nach dem Ende ihrer Karriere springen sie im Kopf weiter. "Es ist verblüffend, aber alle ehemaligen Skispringer haben die gleichen Träume. Wir träumen, dass wir auf Skier durch die Luft segeln. Aber irgendwann – wenn der Abstand zur aktiven Zeit größer wird – ändert sich das. Dann träumen wir, dass wir auf der Schanze sind, aber nicht mehr runter springen. Irgendein Umstand hindert uns immer daran", sagt Innauer. "Es ist zum Verzweifeln."