Es ist der Traum vom Fliegen. Skispringer kommen ihm erstaunlich nahe. Der Zustand, auf einem Polster aus Luft über den Boden zu segeln, wird von den Spitzenspringern aller Generationen als der Grund genannt, den Sport auszuüben.
 - © APA / Grega Valancic
Es ist der Traum vom Fliegen. Skispringer kommen ihm erstaunlich nahe. Der Zustand, auf einem Polster aus Luft über den Boden zu segeln, wird von den Spitzenspringern aller Generationen als der Grund genannt, den Sport auszuüben.
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Ein drahtiger Mann sitzt auf einem Betonturm. Den Kopf zu Boden gesenkt, fokussiert auf das, was gleich passieren wird. Hunderte Meter unter ihm toben Tausende. Er kann ihren Jubel als diffuses Rauschen wahrnehmen. Ansonsten herrscht völlige Stille. Die Latten an seinen Schuhsohlen liegen in Rillen. Sie führen einen nahezu senkrechten Abhang entlang und münden im Nichts.

Mit leerem Blick starrt er in den Abgrund. Entgegen jeglicher Vernunft klopft er sich auf die Oberschenkel und fährt los. In tiefer Hocke gleitet er hinab, bevor er seinen Körper waagrecht in die Luft hebelt. Wie ein Blatt Papier segelt er in die Tiefe. Mit einem lauten Knall setzt er am pickelharten Schnee auf.

Das ist sein Tun. Das ist seine Berufung – der skurrile Akt des Skisprungs. Weltweit beherrschen ihn nur eine Handvoll Menschen. Millionen andere begeistert er. Sie wollen ihn sehen. Auf Fernsehgeräten, auf Leinwänden, in Sprungstadien. Aber warum eigentlich? Was fasziniert die Menschen an der Randsportart Skispringen? Was bringt sie dazu, sie zu erlernen? Der Versuch einer Antwort.

Der spielerische Beginn einer Karriere

Auch die größten Skisprungkarrieren beginnen klein. Meist auf aufgeschütteten Schneehügeln am Hang hinterm Elternhaus. Es gibt Kinder, die – sobald sie halbwegs Skifahren können – nichts lieber tun, als über Buckeln und Mugeln zu hüpfen. Andreas Goldberger war so ein Kind. "Das hat mir immer schon getaugt, sich eine Piste zu bretteln und irgendwo drüber zu springen", sagt Goldberger.

Als ihn sein älterer Bruder Ende der 1970er-Jahre auf die 30-Meter-Schanze mitnimmt, zündete in dem Buben ein Funke. "Ich bin immer wieder auf die Schanze rauf und hab mich angestellt. Dem mulmigen Gefühl am Anlaufturm zum Trotz."

Andreas Goldberger, die sympathische Glanzfigur der Sprungszene der 1990er-Jahre. - © APA / Georges Schneider
Andreas Goldberger, die sympathische Glanzfigur der Sprungszene der 1990er-Jahre. - © APA / Georges Schneider

Aus dem kindlichen Bewegungsdrang entwickelt sich der Trieb, die Sportart zu erlernen. "Ich wollte wie der Innauer im Fernsehen springen." Dieser Drang sollte ihn schlussendlich zu drei Gesamtweltcup-Titeln führen. "Goldi" wurde zur sympathischen Glanzfigur der Sprungszene der 1990er-Jahre.

Ich fühle mich wie ein Profi. Grüner Sprunganzug, Helm und natürlich Sprungski – handbreite Latten aus Fiberglas und Carbon. Ihr Druck auf der Schulter fühlt sich gut an. Sie sehen aus, wie im Fernsehen. Sogar die obligatorische OMV-Werbung prangt von der gelben Lackschicht. Mit bedächtigen Schritten geht es die Metalltreppe neben der Schanze hinauf. Je höher ich aufsteige, desto stärker wird die Vorfreude von einer diffusen Angst überlagert. Spätestens beim Anlegen der Skier, hat sie die Vorherrschaft im Kopf erobert. Zweifel kommen auf. Kann ich das? Ist es nicht völliger Wahnsinn, als Erwachsener mit dem Skispringen zu beginnen? Immerhin ist das hier die kleinste Schanze in der Sprungarena. Von oben sieht sie trotzdem ungeheuerlich aus.