Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner

Im Rausch, die Schwerkraft zu überlisten, empfindet der Springer Überlegenheit. "Mir wurde plötzlich klar, dass ich diese faszinierende und gefährliche Sportart endlich beherrsche", sagt Innauer. "Ich hatte sie virtuos unter Kontrolle. Mit dem Wissen, wieviel Angst man hatte, als man sie erlernte, ist das ein außergewöhnliches Identitätsgefühl."

Das Hochgefühl steht also in direkter Verbindung mit einer anderen, negativen Emotion – der Angst. Sie spielt im Skisprung eine zentrale Rolle. Die Athleten werden von den Zusehern dafür bewundert, sie scheinbar zu überwinden. Mutig springen sie von monströsen Betontürmen in Schluchten.

Die Angst wird immer bleiben

Die Faszination des Sports lebt von diesem spektakulären Charakter. Für den Laien ist es unvorstellbar, selbst über eine Schanze zu springen. Er erschaudert bei dem Gedanken. Dem Springer geht es zunächst einmal genauso.

Vom sogenannten Zitterbalken ist der Aufsprung nicht zu sehen. Die zwei Keramikstreifen der Anlaufspur enden im Nichts. Der Sprung wird ins Leere gehen. Ein unangenehmes Gefühl. Ich spüre den Herzschlag im Genick. Kalter Schweiß befeuchtet das Innenfutter der Handschuhe. Die Atmung wird schnell, Schwindel setzt ein. Das Blut ist jetzt voller Adrenalin. Das Hormon soll reflexartig Schutzmechanismen auslösen.

Evolutionsgeschichtlich waren sie überlebenswichtig. Die Flucht vor dem Bären. Das panische Einschlagen auf den Kopf der Schlange. Doch hier ist weder Bär noch Schlange. Nur eine Schanze.

Denn am Anfang ist die Furcht. Jede Sprungkarriere beginnt mit ihr. Niemand steht zum ersten Mal auf einer Skisprungschanze und denkt nicht über die Konsequenzen nach. Der angehende Springer setzt sich dieser Furcht aus. Er nimmt sie in Kauf, versucht mit ihr umzugehen. Doch das ist gar nicht so einfach – schließlich ist sie die menschliche Reaktion auf Risiko.

In mühevollen Schritten trainiert der Springer also die Alarmglocken seines Körpers zu ignorieren. Er steigert die Größe der Schanze kontinuierlich, versucht den komplexen Bewegungsablauf des Absprungs zu automatisieren. Er stellt sich den Sprung immer wieder im Kopf vor, imaginiert ihn tausende Male. Doch die Angst bleibt. Im Idealfall wird sie kleiner. Aber verschwinden wird sie nie.

"Aktive Skispringer würde niemals sagen, dass sie Angst haben. Sie umschreiben das Gefühl, sprechen von Respekt", sagt Innauer. "Aus psychologischer Sicht haben aber alle Springer Angst, nur der Mut ist stärker. Mut heißt nicht frei von Angst zu sein.