Freizeichen. Der Trainer schwingt den Arm nach unten. Ich soll also springen. Doch ich zögere. Irgendetwas sträubt sich dagegen, das jetzt zu tun. Ich schließe für eine Sekunde die Augen, atme durch – und stoße mich ab.

Auch Goldberger kennt die Angst. Am Bakken von Vikersund bewies er einmal den Mut, seine Skier vor laufenden Kameras zusammenzupacken und nicht zu springen. "Es war windig und ich fühlte mich nicht gut. Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl. In solchen Momenten sollte man nichts erzwingen", sagt er.

Kein Wunder, die Angst ist berechtigt. Denn es liegt keinesfalls in der Natur des Menschen, seinen Körper mit 110 Stundenkilometern am Schanzentisch horizontal nach vorne zu werfen, um in acht Metern Höhe acht Sekunden lang über eine Distanz von zwei Fußballfelder zu schweben.

Extreme psychische Strapazen

Dabei gewinnt der Springer kontinuierlich an Geschwindigkeit. Mit 130 Stundenkilometer setzt er unter einem Landedruck von vier g auf – der vierfachen Erdbeschleunigung also. Wiegt ein Springer 60 Kilo, so wirken im Radius einer Flugschanze 240 Kilogramm auf seine Schultern.

Mit 130 Stundenkilometer setzen Skiflieger unter einem Landedruck von vier g auf. - © APA / Vid Ponikvar
Mit 130 Stundenkilometer setzen Skiflieger unter einem Landedruck von vier g auf. - © APA / Vid Ponikvar

Beim Skifliegen ist der Körper extremen psychischen Strapazen ausgesetzt. Neurologen vergleichen sie mit Todesangst. Vor allem die enorme Geschwindigkeit setzt die Springer unter Druck.

Immerhin beschleunigen sie in der Anfahrt – ähnlich einem Formel-1-Auto – von null auf 100 Stundenkilometer in 2,5 Sekunden. Die optischen Reize können das Nervensystem überstrapazieren, wie eine Studie der Universität Innsbruck belegte. Der Springer gelangt dann in den sogenannten katabolen Zustand – er kann die Belastung nicht mehr ausgleichen. Der deutsche Weltmeister Martin Schmitt erklärte im Jahr 2001 gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass er nach drei Flügen an einem Tag "abends todmüde ins Bett falle".

Hinzu kommt ein zehn bis 20 Mal höherer Adrenalinspiegel sowie vermehrter Harndrang. "Diese Faktoren können bei den Athleten zu einer Gewichtsabnahme von bis zu zwei Kilo pro Tag führen", wie der Teamarzt des ÖSV, Jürgen Barthofer, erklärt.

Die Skier zischen in der Anlaufspur. Das Geräusch wird lauter und heller, je schneller man wird. Die Kante des Schanzentisches kommt unweigerlich näher. Als ich sie unter mir vermute, springe ich ab. Die unzähligen Simulationsübungen des Trockentrainings verpuffen. "Vom ganzen Fuß abspringen, die Arme ruhig halten, die Beine nach dem Absprung durchstrecken." Die Worte des Trainers verlieren auf der Schanze jegliche Bedeutung. Mehrere Anweisungen gleichzeitig zu befolgen ist eine koordinative Unmöglichkeit. Meine "Kraxen" – wie der Trainer später sagen wird – gleicht eher einem zögerlichen Hüpfer als einem voll durchgestreckten ordentlichen Skisprung.