Margaret Thatcher war eine beeindruckende Politikerin: Sie hat sich als Tochter eines Kolonialwarenhändlers aus Grantham emporgearbeitet. In der Politik wohlgemerkt, ihre Karriere in der Privatwirtschaft währte nur drei Jahre. Die Berufspolitikerin schaffte es ins Unterhaus und 1979 als erste Frau in der Geschichte Großbritanniens an die Regierungsspitze. Gemeinsam mit US-Präsident Ronald Reagan ist sie die Begründerin einer Anti-etatistischen Linie und als solche wichtigste Säulenheilige von Marktfundamentalisten und Privatisierungs- fetischisten. Dass Thatcher de facto ein rund 10 Millionen teures Staatsbegräbnis bekommt, müsste sie eigentlich in ihrem edlen Eichensarg rotieren lassen.

Die Eiserne Lady war eine Frau der Extreme: Ihr anti-europäisches "no, no, no" hat den Keim für das Abdriften der britischen Inseln weg vom Kontinent gelegt.

Die Privatisierungsexzesse der Konservativen müssen jedem, der etwa das Pech hat, in Großbritannien öffentliche Infrastruktur wie das Eisenbahnnetz benutzen zu müssen, kalte Schauer über den Rücken jagen: Der Qualität der staatlichen Schweizer SBB, der französischen SNCF, der Deutschen Bahn oder der ÖBB hinken die Briten Jahrzehnte hinterher - wer sagt also, dass private Unternehmen in jedem Fall eine höhere Leistungsfähigkeit als staatliche haben?

Thatchers Misstrauen gegen Staat und Gesellschaft, ihr Glaube daran, dass es die Pflicht jedes Einzelnen sei, für sich selbst und dann erst für den Nachbarn zu sorgen, war ein weiterer Irrtum: In Europa sind gerade jene Länder mit einer hohen Staatsquote erfolgreich, wie Schweden, Finnland, Deutschland und Österreich, während Großbritannien unter der Führung des Konservativen David Cameron von einer Rezession in die nächste taumelt. Und das, obwohl die Bank of England in einem Ausmaß Britische Pfund druckt, als handle es sich um die tägliche Zeitung.

Mit den Gewerkschaften wurden in Großbritannien ganze Industriezweige zerschlagen: Einem völlig überdimensioniertem Dienstleistungssektor (über 80 Prozent der Beschäftigten) stehen nur 18,2 Prozent Industriebeschäftigte gegenüber.

Nach Bankenpleiten, Bank-Betrugs-Skandalen und dem Faktum, dass die westliche Welt nicht aus der Wirtschaftskrise findet, schwingt das Pendel nun zurück. Der Glaube - von Thatcher genährt -, dass der Markt immer recht hat, ist erschüttert, das Evangelium der Deregulierung - von Thatcher verkündet - klingt hohl.

Das Zeitalter des Thatcherschen Egoismus passt nicht mehr so recht in eine Zeit der sozialen Netzwerke. Entrepreneure von heute suchen Win-win-Situationen oder versuchen mit ihrem unternehmerischen Handeln einen Beitrag zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu leisten. Das Individuum kann ohne Gesellschaft nicht existieren, der Markt zerstört sich ohne die ordnende Hand des Rechtsstaats. Margaret Thatcher, rest in peace.