Das Vorgeplänkel ist vorbei. Die Skisprungsaison blickt ihrem ersten Höhepunkt entgegen – der Vierschanzentournee. Doch wir wollen uns nicht mit der Zukunft aufhalten, sondern in die Vergangenheit blicken. Mit Wehmut - weil uns die Vergangenheit daran erinnert, dass Zeit vergeht und wir über kurz oder lang alle sterben. Und natürlich mit Wut – weil in der Vergangenheit der Tournee so viel falsch lief und sie heute eigentlich nur noch ein billiger Abklatsch ihrer selbst ist.

Da sind zum einen diese leidigen vier Siege vor 15 Jahren. Sven Hannawald gelang es damals, als erster Springer in der Geschichte, alle vier Springen innerhalb einer Tournee zu gewinnen. Und das ausgerechnet zu ihrem 50-jährigen Jubiläum. Der Deutsche zerstörte damit ihren Mythos und eigentlich die gesamte Tournee. (Sich selbst irgendwie auch. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Zuvor galt diese Serie an Siegen schlichtweg als unmöglich. Zu unterschiedlich seien die Charakteristika der Schanzen. Zu stark würde sich der extrem flache und lange Schanzentisch der Paul-Ausserleitner-Schanze in Bischofshofen vom kurzen und steilen Tisch der Bergisl-Schanze in Innsbruck unterscheiden. Auf alle vier Schanzen gewinnen? Grundsätzlich möglich, aber doch nicht in einer Saison. Nicht in vier Springen, innerhalb von neun Tagen. So lautete der einhellige Tenor der Skisprungwelt. Bis Hannawald kam.

Symptom einer Fehlentwicklung

Doch Hannawalds Serie ist nur das Symptom einer hausgemachten Fehlentwicklung – der Nivellierung der Weltcup-Schanzen. Denn als Hannawald seinen Triumph im Auslauf der Paul-Ausserleitner-Schanze zelebrierte, war ihr Schanzentisch schon längst nicht mehr so lange, die Bergisel-Schanze längst nicht mehr so steil. In ständigen Adaptierungen glichen sich die Schanzen immer mehr an. Nicht zufällig holte Hannawald den Grand-Slam ausgerechnet bei der Tournee der Jahre 2001 und 2002, als erstmals auf der neuen Bergisel-Schanze gesprungen wurde. Doch es sollte noch schlimmer kommen. In den Jahren 2003 und 2008 wurden auch die Schattenbergschanze in Oberstdorf und die Große Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen an die Normen der FIS angepasst.

Heute unterscheiden sich die Schanzen nur noch marginal. Neigung und Länge der vier Schanzentische variiert um maximal 0,5 Grad bzw. 0,4 Meter. Die Neigung der Anläufe ist in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck mit 35 Grad ident. Einzig Bischofshofen tanzt hier mit nur 27 Grad aus der aus der Reihe.

Der Wahn der Schanzen-Normierung beschränkt sich dabei nicht auf die Tournee. Alle Schanzen des Weltcups sind sich mittlerweile relativ ähnlich. Großschanzen mit dem fast gleichen Profil. Normalschanzen werden seit Jahren nicht mehr gesprungen.

Der König der Tournee

Dennoch ist es natürlich weiterhin schwer, alle vier Tournee-Springen zu gewinnen. Nicht umsonst hat dies seit Hannawald niemand mehr geschafft. Und vor ihm bekanntlich auch nicht. 17 Springer konnten drei der vier Springen während einer Tournee gewinnen. Vier davon – nämlich der Norweger Ingolf Mork, der Japaner Yukio Kasaya, und die beiden Österreicher Karl Schnabel und Anton Innauer – wurden trotzdem nicht Tournee-Sieger. Neun Springer haben schon auf allen vier Schanzen gewonnen, allerdings nicht innerhalb einer Tournee.

Grand-Slam hin, Grand-Slam her, König der Tournee ist und bleibt Janne Ahonen. Fünf Mal stand der Finne nach dem vierten Bewerb mit steinerner Miene ganz oben am Podest. Und das, obwohl er mit neun Einzelsiegen gleich viele Springen gewann, wie Gregor Schlierenzauer, der wiederum nur zweimal Tourneesieger war.

Als der legendäre Sepp Bradl 1953 abseits der Fernsehkameras die erste Vierschanzentournee gewann, durfte er sich getrost als der vollkommenste Springer im Feld bezeichnen. Ob dies bei der 65. Auflage der prestigeträchtigsten Veranstaltung im Skisprungzirkus auch der Fall sein wird, darf bezweifelt werden. Die momentane Form wird entscheiden und nicht die Kunst jede Schanze zu springen. Denn im Grunde gibt es ohnehin nur noch eine.