Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung". - © Wiener Zeitung
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Laut "Expat City Ranking 2018" mit mehr als 18.000 befragten Expats, also von Firmen ins Ausland entsandte Mitarbeitern, belegt Wien nur Rang 65 von 72 in der Kategorie "Freundlichkeit". So wie die Donaumetropole regelmäßig als eine der lebenswertesten Städte gelobt wird, stößt man sich regelmäßig am Umgangston hier. Was davon zu halten ist, lässt sich schwer einschätzen. Weitgereiste Menschen kehren nach Jahren in Paris, New York oder Mexiko City häufig auch nicht gerade mit Lobeshymnen auf die Freundlichkeit der Menschen dort zurück…

Aber egal: Es soll hier um eine grundsätzlichere Frage gehen als um die der oft beschworenen Grantigkeit der Wienerinnen und Wiener. Nämlich um die, was negative Gefühle eigentlich weckt bzw. wieso Ablehnung so oft die erste Reaktion auf neue Entwicklungen darstellt. Konkretes Beispiel am dieser Stelle: Die E-Scooter in Wien, über die gerade vielfach geschimpft wird. Und das liegt – wie ich meine – weniger am Wiener Naturell als am Elefanten.

Am Elefanten?

Der US-amerikanische Psychologie-Professor und Therapeut Jonathan Haidt liefert in seinem lesenswerten Buch "Die Glücks-Hypothese" eine Erklärung, warum viele Menschen in ihrer Umgebung vor allem das Negative wahrnehmen: Der älteste Teil des Nervensystems (Rückenmark und Hirnstamm) – Haidt bezeichnet es als den "Elefanten" – sei schuld. Auf Überleben und Gefahrenabwehr programmiert, steuerte dieses System schon unsere Vorfahren vor Millionen Jahren automatisiert durch die Regenwälder. Lugt eine Schlange aus dem Busch, machen wir damals wie heute einen Satz zur Seite: Der "Elefant" reagiert, lange bevor die Meldung darüber unser Bewusstsein, den "Reiter", erreicht. Das Bemerkenswerte dabei: Der Elefant ist ein notorischer Pessimist. Negative Wahrnehmungen hinterlassen ihm stets einen stärkeren Eindruck, weil es schlimmer wäre, im Maul eines Räubers zu landen, als einmal eine Haselnuss zu übersehen.

Was in unser Bewusstsein vordringt, ist durch die Ersteinschätzung des Elefanten emotional gefärbt und hat häufig einen negativen Beigeschmack.

Ich vermute, dass das plötzliche Vorhandensein einer neuen Mobilititätsform als erstes bei vielen einen Abwehrreflex auslöst. Der Elefant ist verängstigt, der Reiter sondert verärgert Postings in Social Media ab. Mit der Metapher vom Reiter und seinem ängstlichen Elefanten lassen sich übrigens viele merkwürdige Verhaltensweisen erklären. Sei es die anfängliche Ablehnung von Fußgängerzonen und von Radwegen. Seien es die vielen Male, in denen Menschen gegen ihre eigenen Interessen stimmen und autoritäre Kräfte wählen, die ihnen eigentlich schaden.