THESE 1: Flächenkonflikt offen ansprechen

"Der Flächenkonflikt muss offen angesprochen und ausgetragen werden", ist Strößenreuthers Ansatz. Ohne Scheu vor harschen Reaktionen und mit – für Wienerische Befindlichkeiten – ungewohnter Direktheit kommunizierte er seine Forderung: "Wir müssen den Autofahrern sagen: Ja wir wollen euch Platz wegnehmen damit es uns besser geht und euch schlechter!" Sein Ansatz habe zunächst in den Medien für wilde Gegenreaktionen gesorgt, erinnert sich Strößenreuther. Es sei den Medien allerdings nicht möglich gewesen, über ihn zu berichten, ohne den Flächenkonflikt zu thematisieren. So sei die Frage immer weiter ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gesickert.

THESE 2: Politikern den Rücken stärken

Politiker treffen – ist Strößenreuther überzeugt – rationelle Entscheidungen, bei denen es vor allem um das eine geht: bei der nächsten Wahl erneut gewählt zu werden. "Ihrer Erfahrung nach, werden sie abgelehnt und abgewählt, wenn sie dem Autoverkehr etwas wegnehmen." Das bedeute, so der Aktivist weiter, dass sie nur dann eine alternative Position vertreten, wenn sie der Überzeugung sind, dass ihnen dies Wählerstimmen bringt. Konsequenterweise müssten Fahrradaktivisten daher "Politikern den Rücken zu stärken": "Politiker müssen mehr Angst vor Radlobbyisten haben als vor Automobilisten! Mehr Angst vor Rad- als vor Autofahrern."

THESE 3: Methodenmix

Blickt man auf die Werkzeuge, die von den Aktivisten des Volksentscheid Fahrrad benutzt wurden, beeindruckt deren Vielfalt: Da finden sich aktionistische Elemente, wenn etwa falsch parkende Kfz von Weihnachtsmännern vom Radstreifen getragen werden, wenn sich hunderte Radfahrende in die Spree stürzen, wenn Mahnwachen für getötete Radfahrer abgehalten  und Rad-Demos veranstaltet werden. Es gibt Studien, bei denen die Straßen mit dem Zollstock vermessen werden, um darzulegen, wie viel Fläche im öffentlichen Raum die jeweiligen Mobilitätsformen einnehmen. Und schließlich professionell betriebene Organisations- und Kommunikationsarbeit, die geschickt die politische Situation in Berlin nutzt.

THESE 4: Wahlen als Anschubhilfe

In die Zeit des Volksentscheid fällt der Wahlkampf zu den Wahlen für das Berlin Abgeordnetenhaus. Bei der Wahl im September 2016 landet die SPD mit rund einem Fünftel der Stimmen auf Platz eins, dahinter Kopf an Kopf CDU, Linke und Grüne. Schon den Wahlkampf nutzten die Fahrrad-Aktivisten, um ihre Themen im Gespräch zu halten. Das Thema Flächenkonflikt und Radverkehr ist so präsent, dass es sich keine Partei leisten kann, zum Thema Radfahren nicht Position zu beziehen. Mit Blick auf die 100.000 Unterzeichner des Volksbegehrens und den Radfahreranteil von 20 Prozent in Berlin sagen dann auch die meisten Parteien ihre Unterstützung zu. Während der Koalitionsverhandlungen bleibt der Radverkehr ein Thema, schafft es schließlich ins Koalitionsabkommen, das im November 2016 die Grundlage für die neue rot-rot-grüne Stadtregierung bildet.
Den Aktivisten rund um Strößenreuther ist ein Kunststück gelungen: Sie schafften es innerhalb kürzester Zeit von einer außerparlamentarischen Initiative hinein in den parlamentarischen Prozess. Die zehn Forderungen aus dem Volksentscheid wurden Wahlprogramm, Koalitionsabkommen, Gesetzesentwurf und schließlich am 28. Juni 2018 im Abgeordnetenhaus als Mobilitätsgesetz beschlossen.