Dass es am vergangenen Donnerstag (31. Jänner 2019) in Wien neuerlich zu einem Unfall kam, bei dem ein abbiegender Lkw einen neunjährigen Buben tötete, hat Helge Fahrnberger aktiv werden lassen. Zusammen mit dem Verkehrsplaner Ulrich Leth, der Pädagogin und Mutter von zwei Kindern (4 + 6 Jahre) Hanna Schwarz und Roland Romano von der Radlobby Österreich startete er am Montag eine  Online-Petition, die sich an Verkehrsminister Norbert Hofer richtet. Fahrnberger – bekannt durch den Medienwatchblog "Kobuk"– und seine Mitstreiter setzen sich u.a. dafür ein, dass Nutzfahrzeuge elektronische Abbiegeassistenten mit automatischer Bremsfunktion einbauen müssen, um Fußgänger und Radfahrer besser zu schützen.

Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung". - © Wiener Zeitung
Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung". - © Wiener Zeitung

Mehr als 2.000 Menschen haben bereits unterschrieben. (Stand: 5. Februar 2019)

"Wiener Zeitung": Anlass für Ihre Petition ist der tödliche Unfall vergangene Woche. Beschreiben Sie uns doch den Prozess, der dazu geführt hat, die Petition zu starten.

Helge Fahrnberger: Ich bewege mich täglich mit Kind und Fahrrad in der Stadt. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht denke, dass sich etwas ändern muss. Nachdem schon wieder ein Unfall passiert ist, war mir klar, jetzt muss etwas passieren. Wir müssen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Verantwortlichen in die Pflicht zu nehmen. Als Verantwortliche sind entweder der Verkehrsminister oder die Stadt Wien in Frage gekommen. Wir haben uns dann entschlossen, mit dem Minister zu beginnen, damit das Thema nicht in den Lokalteilen der Zeitungen verräumt wird.

Was ist konkret das Ziel der Petition?

Eine gesetzliche Grundlage und Verpflichtung, Lkw mit elektronischen Abbiegeassistenten auszustatten. Egal wie viele Spiegel an Lastautos angebracht sind: du kannst nicht immer alles im Auge behalten. Wir fordern deshalb Abbiegeassistenten, die nicht bloß piepsen, sondern die das Fahrzeug automatisch zum Stehen bringen. Und – wichtig – die nicht abgeschaltet werden können. Selbst ohne EU-Regelung hat Verkehrsminister Norbert Hofer die Möglichkeit, eine Regelung wie in London zu schaffen.

Abbiegeassistenten sind nicht die einzige Maßnahme, um die Verkehrssicherheit zu heben. In Frage kommen auch bauliche Maßnahmen an Kreuzungen, auf Verkehrssicherheit optimierte Ampelschaltungen oder Tempo-Reduktion. Warum konzentriert ihr euch auf die Abbiegeassistenten?
Wir wollten eine einfache Botschaft, die Headline-fähig ist. Ein klares Ziel ist wichtig, um medialen Druck aufzubauen und um damit eine tatsächliche Handlungsänderung herbeiführen. Es ist wichtig, eine allgemeine Debatte um die Nutzung des öffentlichen Raums oder um Tempo-30 zu führen. Aber es sprengt den Rahmen einer simplen Message. Wir würden auch vor der Forderung nach Tempo-Limits nicht zurückschrecken. Aber es wäre die falsche Forderung in diesem Fall. Die Unfallforschung zeigt, dass 60 Prozent der Unfälle mit Hilfe von Abbiegeassistenten komplett zu verhindern wären. Das ist ein gewaltiger Wert. Allein letztes Jahr starben in Österreich vierzehn Fußgänger und Radfahrer bei Unfällen mit Lkw.

Wie sieht Ihr persönlicher Zugang zu dem Thema aus?

Ich bin selbst Vater einer vierjährigen Tochter, gehe mit ihr in der Stadt zu Fuß und fahre mit ihr auf dem Lastenfahrrad. In ein paar Jahren wird sie alleine in die Schule gehen. Meine Erfahrung deckt sich mit der anderer Eltern: Dass nämlich der öffentliche Raum in der Stadt nicht kindertauglich bzw. überhaupt fußgängerfreundlich ist. Auch Menschen mit Kinderwagen oder großen Einkaufstaschen, ältere Leute oder Menschen, die schlecht zu Fuß sind, haben zu wenig Platz. Zu viel Fläche wird vom fahrenden oder stehenden Blech verbraucht. Was den Umgang mit öffentlichem Raum angeht, wünsche ich mir einen Paradigmenwechsel samt Maßnahmen wie durchgängiges Tempo-30 in der Stadt und den Ausbau von Begegnungszonen. Es gibt da bereits gute Ansätze, etwa in der Otto Bauer Gasse oder im verkehrsberuhigten Teil der Lange Gasse. Vieles ist aber eine Farce: Etwa die 33 Kilometer Wohnstraßen, die es in Wien auf dem Papier gibt: Die verdienen den Namen nicht. Nie wurde dort ein Kind beim Spielen gesehen. Das sind in Wirklichkeit Parkplätze.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir hoffen, dass wir in Österreich eine  Debatte wie in Deutschland starten können. Dann wollen wir mit einer relevanten Anzahl von Unterschriften zum Minister gehen und sagen: Was ist jetzt?