Heuer setzt die Stadt Wien vor allem auf Lückenschlüsse im Radwegenetz, um die Infrastruktur zu verbessern. Hier die Neuerungen im Überblick.

Vorweg die Ausgangslage: Die Stadt Wien verweist gerne auf ihr Radwegenetz, das mit einer 1.398 Kilometern auf dem Papier eine imposante Ausdehnung erreicht hat. Auf den zweiten Blick zeigt diese Statistik allerdings einige Schönheitsfehler: Was in Wien zum "Radwegenetz" zählt, muss nämlich nicht unbedingt Radinfrastruktur sein. Auch geöffnete Einbahnen, gemischte Rad- und Fußwege sowie "Radrouten" zählen dazu, also vorgeschlagene Strecken, die allerdings nicht durchgängig auf Radinfrastruktur verlaufen.

Die Zahl sagt auch wenig über die Qualität der Radverkehrsverbindungen aus: Moderne, zeitgemäß ausgestaltete, vom Autoverkehr getrennte Radwege – wie der in der Favoritenstraße neu errichtete – fallen ebenso darunter wie mickrige Rad- oder Mehrzweckstreifen wie in der Nussdorfer-Straße, deren Sicherheitseffekt höchst fraglich ist.

Im internationalen Vergleich liegt Wien im Copenhagenize-Index der radfreundlichen Städte (Stand 2017) auf Platz 12, hinter Barcelona, Tokyo und Berlin. Im Jahr 2015 war es noch Platz 16 gewesen.

- © Mobilitätsagentur Wien
© Mobilitätsagentur Wien

Was den Anteil der Radfahrenden am Gesamtverkehr angeht, bleibt dieser hinter dem in anderen Großstädten zurück. Wenn man dem Modal Split – der jährlichen Verkehrserhebung – vertraut, liegt der Fahrrad-Anteil seit einigen Jahren bei 7 Prozent. Zum Vergleich: in München sind es 17 Prozent, in Berlin 13 Prozent. Fahrradstädte wie Kopenhagen oder Amsterdam halten inzwischen bei knapp 40 Prozent.

Die Aussagekraft des Modal Split ist allerdings nicht unumstritten, da sich die Ermittlungsmethoden in den verschiedenen Städten stark voneinander unterscheiden. In Wien kommen die Zahlen vor allen Dingen durch Telefoninterviews zustande.

Zahlen der Zählstellen: Plus 12,6 Prozent

Aussagekräftiger sind da schon die Ergebnisse der inzwischen vierzehn automatisierten Dauerzählstellen in Wien. Die Zahl der Fahrten wird vom Ziviltechnik-Unternehmen Nast Consulting erhoben und auf dessen Website online gestellt. Neben den monatlichen Trends, heruntergebrochen auf alle Zählstellen, erstellt Nast Consulting auch Jahresberichte und zeichnet so die Entwicklung über längere Zeiträume nach.

Ich habe mir die Zahlen für die Fünf-Jahresperiode 2014 bis 2018 angeschaut. Wurden im Jahr 2014 noch insgesamt 6.866.721 Radfahrten registriert, waren es im Jahr 2018 7.730.631, also knapp eine Million mehr. Das  bedeutet einen Anstieg von 12,5 Prozent im Zeitraum von fünf Jahren.

Mich hat interessiert, wie sich dieser Zuwachs im Verhältnis zum Bevölkerungszuwachs verhält und ob das Mehr an Radfahrern lediglich eine Folge der gewachsenen Gesamtbevölkerung sein könnte. Von 2014 bis 2018 stieg die Einwohnerzahl in Wien von 1.766.746 auf 1.888.776 Personen, also ein Anstieg von 6,9 Prozent. Daraus lässt sich ableiten, dass sich die gestiegene Zahl der Radfahrten nicht allein mit Bevölkerungswachstum erklären lässt.

Die Zählstellen decken einige der wichtigsten Radverbindungen ab. Selbst wenn es wünschenswert wäre, die Zahl der Zählstellen weiter zu erhöhen, lassen sich daraus dennoch verlässliche Trends ablesen. Auch wo ein erhöhter Bedarf für den Ausbau der Radinfrastruktur besteht, lässt sich auf diese Weise mit einiger Sicherheit sagen. Jedenfalls geben die automatisierten Zählstellen verlässlicher über die Entwicklungen beim Radverkehr Auskunft als der Modal Split, dessen Aussagekraft laut Verkehrsexperten begrenzt ist.

Mit vierzehn Dauerzählstellen ist Wien übrigens recht gut aufgestellt. Zum Vergleich: In München sind es sechs Dauerzählstellen. In Berlin sind es siebzehn.

Jetzt aber zum Ausbauprogramm:

1. Linke Wienzeile

Die wahrscheinlich wichtigste Baumaßnahme betrifft die Linke Wienzeile zwischen Köstlergasse und Friedrichstraße. Die für Fahrrad-Pendler aus dem Westen Wiens so wesentliche Radverbindung von der Stadtgrenze bis ins Zentrum war in einem 500 Meter langen Abschnitt in Höhe des Naschmarktes unterbrochen. Werden die Planungen wie beabsichtigt umgesetzt, wird diese Lücke im Radwegenetz noch heuer geschlossen. Am vergangenen Wochenende richteten Mobilitätsagentur und Magistrat im Alfred—Grünwald-Park an der linken Wienzeile einen Informationsstand ein, um über die geplanten Neuerungen zu berichten. Der neue Radweg wird – baulich getrennt von der Fahrbahn – in der jetzigen Parkspur verlaufen. Für Geschäftsleute werden Ladezonen eingerichtet. Die Baumaßnahme soll im Juni den Gemeinderat passieren.

2. Margaretenstraße

Zwischen Margaretenplatz und Spengergasse wird das Radfahren gegen die Einbahn ermöglicht. Damit wird diese wichtige Radverbindung in beiden Fahrtrichtungen verwendbar. Die Verbindung ist nicht zuletzt deswegen bedeutsam, weil sie als Ausweichroute zum Wientalradweg dient, der aufgrund der U-Bahn-Baustelle bei der Pilgramgasse gesperrt ist.

3. Gürtelquerung Wallgasse

Die Stadt errichtet auf Höhe der Ulmannstraße im 15. Bezirk eine neue Querung über den Gumpendorfer Gürtel in den 6. Bezirk und führt den Radweg über die Wallgasse weiter in die Mollardgasse. In der Wallgasse wird dazu die Fahrbahn verbreitert, um den Radfahrenden mehr Platz zu bieten. Die Fahrbahn an der Kreuzung Eisvogelgasse/Wallgasse wird angehoben. Der Radverkehr, der von der Mollardgasse aus Richtung Gürtel fährt, wird auf einem kurzen Stück baulich getrennt geführt. Die Stadt errichtet diese Anbindung, da im Zuge des U-Bahn-Baus der Wientalradweg gesperrt ist. Die Verbindung bleibt nach den Bauarbeiten aber bestehen. Die Baumaßnahmen sind für Juni und Juli 2019 geplant.

4. Florianigasse

Bereits Ende März 2019 wurde im 8. Bezirk die neue Radverbindung in der Florianigasse geöffnet: Jetzt kann durchgängig in beide Richtungen geradelt werden. Dazu wurde die Einbahn zwischen Skodagasse und Wickenburggasse auf einer Länge von 750 Metern für das Radfahren geöffnet. Die Florianigasse bildet somit eine Alternativroute zur stark befahrenen Alser Straße zwischen Gürtel und ehemaliger Zweierlinie.

5. Goldschlagstraße

Bereits jetzt ist die Goldschlagstraße eine relativ attraktive Radverbindung. Heuer werden weitere Teile für den Radverkehr optimiert: Zwischen Missindorfgasse und Amortgasse wird die Einbahn für den Radverkehr geöffnet. Die Fahrbahn dort soll künftig 4,5 Meter breit sein. Damit können Radfahrer die Goldschlagstraße durchgehend von der Ameisgasse im 14. Bezirk bis zum Gürtel in beide Richtungen befahren.
Außerdem wird der Bereich zwischen der Matznergasse und der Missindorfgasse verkehrsberuhigt. So ist etwa eine Begegnungszone in Überlegung. In diesem Bereich können Radfahrende in beide Richtungen fahren. Eine Temporeduktion führt dazu, dass Wienerinnen und Wiener in diesem Bereich komfortabel mit den Rad unterwegs sein werden. Die Umbauarbeiten sollen im Sommer 2019 beginnen.

6. Gersthofer Straße

Viele Jahre lang war die Gersthofer Straße – nicht zuletzt aufgrund der dort häufig mit hohem Tempo fahrenden Kraftfahrzeuge – ein für Radfahrer äußerst unangenehmes und gefährliches Pflaster. Vor drei Jahren begann die Stadt damit, in mehreren Etappen eine durchgehende Radverbindung zwischen der Hasnerstraße im 16. Bezirk und der Währinger Straße im 18. Bezirk zu errichten. Heuer erfolgt die Etappe von der Czartoryskigasse bis zur Währinger Straße: In Fahrtrichtung Czartoryskigasse in Form eines baulich getrennten Radweges. In Fahrtrichtung Währinger Straße können Radfahrende die Busspur mitbenutzen. Bauzeit: voraussichtlich Mai – September 2019.

7. Kaisermühlenstraße

Mit einem 3,50 Meter breiten Geh- und Radweg entlang der bestehenden Fahrbahn in der Kaisermühlenstraße zwischen Mühlwasserstraße und Neuhaufenstraße schließt die Stadt eine weitere Lücke im Hauptradverkehrsnetz. (Ob die Errichtung von gemischten Geh- und Radwegen ganz zeitgemäß ist, steht auf einem anderen Blatt: Regelmäßig kommt es bei diesen Mischwegen nämlich zu Konflikten zwischen Radfahrenden und Fußgängern.)

8. Neuhaufenstraße

Die Stadt schließt eine Lücke im Radwegenetz in der Donaustadt. Auf der Neuhaufenstraße werden zwei Einrichtungsradwege zwischen der Gotramgasse und der Donaustadtstraße gebaut. Somit können Radfahrer zukünftig sicher und komfortabel vom Radweg Richtung Langobardenstraße oder der Kaisermühlenstraße zum Oberen Mühlwasser und weiter zur Alten Donau gelangen. Die Baumaßnahmen sollen Juli und August 2019 stattfinden.