Am 12. Juli 1979 wurde ein Verein ins Vereinsregister eingetragen, der die Verkehrspolitik der nächsten Jahrzehnte mitbestimmen sollte: Die Arbeitsgemeinschaft Umweltfreundlicher Stadtverkehr (ARGUS). Bis heute setzt sich der mitgliederstärkste Radfahrer-Verein Österreichs für bessere Infrastruktur, höhere Investitionen in den Radverkehr und mehr Sicherheit auf Österreichs Straßen ein.

"Wer damals Rad gefahren ist, hat sich wie ein Held gefühlt. Man hatte die Überzeugung, die Zukunft des Verkehrs zu sein. Die anderen Verkehrsteilnehmenden haben einen zwar als Exoten betrachtet. Im Gegensatz zu heute hat Radfahren allerdings keine Aggressionen ausgelöst – wir waren einfach zu wenige."

So beschreibt Helmut Hiess – einer der ARGUS-Gründerväter – im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" das Gefühl, damals in Wien mit dem Fahrrad unterwegs gewesen zu sein. Es sind die späten 1970er-Jahre. Radwege gibt es nur noch wenige. Sie sind der Automobilisierung zum Opfer gefallen und einer Verkehrspolitik, die vor allem auf den motorisierten Individualverkehr setzt. In den Augen der meisten ist das Radfahren bestenfalls eine liebenswürdige Schrulle von Studierenden und Lebenskünstlern, aber keine ernstzunehmende Mobilitätsform.

Es ist die Zeit der SPÖ-Alleinregierung unter Bruno Kreisky: eine Zeit der Ruhe, des Aufbaus und der wirtschaftlichen Stabilität. Man baut Autobahnen und Kraftwerke. Wirtschaftliches Wachstum und die Mehrung des Wohlstands leiten alle politischen Entscheidungen. Ökologische Überlegungen spielen hingegen kaum eine Rolle.

In diese Phase fällt in Österreich der Beginn einer (verspäteten) Gegenbewegung, die Anti-Militarismus, Bildungsdebatten, Faschismus-Diskussion, Feminismus – und eben Umweltschutz umfasst. Der Autor und ehemalige stv. Chefredakteur der "Wiener Zeitung", Georg Friesenbichler, selbst Zeitzeuge bei vielen der maßgeblichen Ereignisse, fasst die Zeit in seinem Buch "Unsere Wilden Jahre" so zusammen: "Die junge Generation entwickelte ein neues Lebensgefühl, das von Rock-Musik ebenso beeinflusst war wie von der Studentenrevolte der Sechziger. Es traf sich mit einer Phase des Umbruchs und des Wertewandels, weg von der exzessiven Konsumgesellschaft hin zu ökologischem Denken."

Volksabstimmung Zwentendorf

Eine Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks (AKW) Zwentendorf geht knapp zugunsten der Kraftwerksgegner aus. Das fast fertig gebaut AKW wird nie ans Netz gehen. Ein gewaltiger Erfolg für die Umweltbewegung, die damit genug Schwung erhält, um es in den 1980er-Jahren ins Parlament zu schaffen.

ARGUS-Pionier Hiess erinnert sich: "Nach der Volksabstimmung haben sich die Zwentendorf-Aktivistinnen und -Aktivisten in Graz getroffen, um zu überlegen wie es weitergehen soll. Unsere Haltung war: man kann nicht immer gegen alles sein; man muss Alternativen aufzeigen. Unter anderem haben wir über umweltfreundliche Mobilität nachgedacht."

Hiess, der damals Stadtplanung studiert, nimmt an einem Arbeitskreis teil, der sich mit dem Thema Mobilität befasst. Dort wird die Idee geboren, Fahrrad-Sternfahrten zu organisieren, um umweltfreundliche Fortbewegung in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Bald nach der Konferenz in Graz werden Flugzettel und Plakate gedruckt und vor den Unis und in Szene-Lokalen verteilt. Die Themen gehen weit über ein Lobbyieren für den Radverkehr hinaus. Auf der Einladung zur ersten Sternfahrt samt Stadtwanderung steht:

"Wir wollen mehr Radwege und ruhige, begrünte Zonen, wir wollen bessere Straßenbahn und Busse und haben was gegen zu viele Autos, die stinken und lärmen und jeden Platz verstellen. Wir wollen wieder in der Stadt 'l e b e n' können."

Am 9. Juni 1979 ist es dann soweit: 2.000 Radfahrende treffen einander zur gemeinsamen Ausfahrt, radeln über die Ringstraße bis zur Schlusskundgebung am Rathausplatz. "Es war ein toller Erfolg", erinnert sich Hiess: "Uns war dann sofort klar. Wir machen weiter."

"In Österreich zählt man wenig, wenn man nicht zumindest als Verein organisiert ist"

Diese erste Sternfahrt zeigt den Organisatoren auch, dass es wichtig sein wird, sich zu institutionalisieren. "Um die Demos anzumelden zum Beispiel, ist es notwendig gewesen, einen Verein zu gründen", erzählt Hiess: "In Österreich zählt man ja wenig, wenn man nicht zumindest als Verein organisiert ist."

Am 12. Juli 1979 ist es dann soweit: Die ARGUS wird ins Vereinsregister eingetragen. Mit Ulla Sieber als erster Obfrau und dem Wirtschaftsstudenten Christian Pekar als Kassier. Mit dabei sind laut ARGUS-Aufzeichnungen auch Walter Urbanek und Helmut Koch (beide damals Raumplanungsstudenten) sowie Helmut Jung, der Biologie studiert. Etwa 10 bis 20 Aktive bildeten den Kern der Gruppe.

Im Lebensmittelgeschäft "Grünladen" kommt man zusammen, um Aktionen zu planen – Guerilla-Radwege zum Beispiel, die die Aktivisten dort aufpinseln, wo ihrer Meinung nach Rad-Infrastruktur gebraucht wird. An manchen Stellen, an denen die ARGUS-Mitglieder der ersten Stunde vorschriftswidrig die Straße markieren, verläuft heute ein offizieller Radweg.

In den 1980er-Jahren wird die Vereinsstruktur dann immer weiter ausgebaut, das Auftreten der ARGUS immer professioneller. Das Ehepaar Hans und Evi Doppel prägt für viele Jahre das Bild der ARGUS in der Öffentlichkeit.

Da ist Hiess dann allerdings schon nicht mehr aktiv dabei. Der Stadtplaner schließt sein Studium ab und beginnt seine berufliche Karriere. Heute ist er Partner bei Rosinak und Partner.

Entwicklung des Radverkehrs

Mit der Entwicklung, den der Radverkehr in den letzten Jahrzehnten genommen hat, ist Hiess – bis heute Alltagsradfahrer und in Projekten immer wieder mit dem Radverkehr befasst – zufrieden. "Ohne Frage hat sich das zum Positiven entwickelt", meint er: "Es fasziniert mich, was aus diesem kleinen Häuflein von damals geworden ist: Wie sich unser Denken in der Stadt ausgebreitet hat. Die vielen Radfahrenden, die Infrastruktur, das Radwegenetz, die Stellplätze: Es ist eine völlig andere Verkehrskultur entstanden." Natürlich gebe es immer noch stark befahrene Straßen, Lärm und Abgase. Sowie die Hauptangst vieler Politiker, dass es einen Aufstand geben würde, wenn ein paar Parkplätze verloren gehen. "Aber unser Denken von damals ist in vieler Hinsicht Mainstream geworden."