Ende Juni dieses Jahres besuchte ich Dublin im Rahmen der Velo-City-2019, der großen Fahrrad-Konferenz, die von der European Cyclists’ Federation zusammen mit lokalen Partnern organisiert wird. Bald nach meiner Ankunft besorgte ich mir ein Fahrrad, um die Stadt vom Sattel aus zu erkunden. Gleich vorweg: Es war ein Graus. So angenehm die Stadt sein mag, so freundlich mir die Iren begegneten – auf der Straße hört sich der Spaß auf.

Ich schicke voraus, dass die Linksfahrordnung für mich enorm gewöhnungsbedürftig war. Was über Jahrzehnte eingelernt und automatisiert ist, lässt sich nicht in wenigen Tagen umlernen. Das Verhalten auf Kreuzungen, insbesondere aber das Rechtsabbiegen, hat mich wirklich gefordert. Bis zu einem Punkt, dass ich innehalten musste, um das System durchzudenken, bevor ich mich auf einer großen Kreuzung an ein Abbiegemanöver wagte. Trotz diesem sehr vorsichtigen Zugang fand ich mich immer wieder auf der falschen Straßenseite wieder. Glücklicher Weise ohne negative Folgen.

Rücksichtslose Autofahrer

Davon abgesehen ist die Straßen-Etikette hier eine völlig andere als bei uns: Radstreifen, wo vorhanden, sind grundsätzlich zugeparkt. Kfz überholen rücksichtslos und ohne ausreichenden Abstand. Tempo-Limits sind die Ausnahme. Verglichen mit den irischen Taxilenkern, die plötzlich und ohne Vorwarnung stehen bleiben, um die Autotüren aufzureißen, sind die heimischen Taxler Idealbilder mustergültiger Achtsamkeit.

Die spärlich vorhandene Radinfrastruktur – mein Weg ins Konferenzzentrum führte mich zum Beispiel am Grand Canal entlang, wo ein Zwei-Richtungs-Radweg verläuft – ist schwer überlastet. Vor allem in den Morgenstunden, wenn die Menschen in die Arbeit fahren. Es staut sich an den Kreuzungen mit Ampelschaltungen, die Radfahrer gegenüber dem motorisierten Verkehr benachteiligen. Überholen ist schwierig, weil die Radwege nicht breit genug sind. Keine gute Ausgangslage auch für Familien in Transporträdern.

Der schlecht ausgebaute öffentliche Verkehr – es gibt keine U-Bahn und nur zwei Straßenbahnlinien – führt dazu, dass sich die Menschen ins Automobil setzen. Radfahren wird nur von wenigen als Alternative gesehen. Laut Modal Split werden bloß 5 Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurück gelegt. Irland hat ein Mobilitätskonzept, das National Cycle Policy Framework, wonach 10 Prozent des Pendlerverkehrs bis zum Jahr 2020 per Fahrrad erfolgen sollen. "Es sieht jedoch nicht so aus, als könnte dieses Ziel erreicht werden", heißt es in einem aktuellen Bericht im Irish Medical Journal, der von Forschern verschiedener Universitäten verfasst wurde. "Zwischen 2011 und 2016 hat sich die Zahl der Fahrrad-Pendler lediglich von 2,2 auf 2,7 Prozent erhöht."