In der zweiten Ringvorlesung zum Thema Radfahren - veranstaltet vom Forschungsbereich für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik  der Wiener TU befasste sich Rechtsanwalt Johannes Pepelnik mit der Straßenverkehrsordnung und aktuellen Rechtsfragen. Der Befund des Anwalts: Radfahrer werden vor allem durch die geltenden Vorrangregeln diskriminiert.

Das Interesse an der komplexen Rechtslage ist offensichtlich gewaltig. Anders lässt sich wohl nicht erklären, dass der Hörsaal 10 an der TU (Gusshausstrasse 27-29) derartig aus allen Nähten platzte. In den für rund hundert Personen ausgelegten Saal waren wahrscheinlich doppelt so viele gekommen. Die Türen blieben offen, weil sich so viele auch draussen versammelten und hereinlugten. Als Trost für jene, die es diesmal nicht geschafft haben: Die Vorlesung wurde mitgefilmt. (Das Video von der Podiumsdiskussion in der Vorwoche ist hier abrufbar.  )

Zum Vortrag von Johannes Pepelnik, der auch bei Argus ist und zusammen mit IG-Fahrrad Commandante Alec Hager das Buch "Radfahren in Wien" verfasst hat: Pepelnik begann mit den Grundlagen, definierte, worum es sich bei einem Fahrrad aus rechtlicher Sicht überhaupt handelt, besprach die verwirrende Vielfalt von Radfahr-Anlagen und arbeitete sich bis zu den Vorrangvorschriften weiter.

Bei letzteren besteht für den Anwalt auch der gravierendste Änderungsbedarf. Wie er anhand zahlreicher Skizzen ausführte, schaffen gerade die Fahrradanlagen äußerst gefährliche Situationen, weil die StVO so formuliert ist, dass eine Autolenkererin gegenüber einem Radfahrer, der gerade die Fahrradanlage verlässt, immer bevorrangt ist. Dieses Grundproblem tritt in den unterschiedlichsten Konstellationen, gerade auch im Kreuzungsbereich auf. Es sei ein Glück - führt Pepelnik aus - dass vielfach weder Rad- noch die Autofahrer über diese Bestimmung Bescheid wüssten und sie "instinktiv missachteten".

Verkehrsflächen mit Autofahrern gemeinsam nutzen

Fahrrad-Anlagen in ihren verschiedenen Spielarten sind auch aufgrund von sich öffnenden Autotüren, Fußgängern, Kinderwägen und aufgrund ihrer zu schmalen Ausführung vielfach gefährlicher als man glaubt, weiß der passionierte Radfahrer Pepelnik.  "Leider zeigen Unfallstatistiken", führt Pepelnik aus, "dass die Benutzung von Radfahranlagen für Radfahrerinnen gefährlicher ist als wenn sie Verkehrsflächen mit Autofahrern gemeinsam nutzen".  Die jüngste StVO-Novelle, die eine teilweise Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht für bestimmte Radwege bringt, weise zwar in die richtige Richtung. Allerdings gehe sie nicht weit genug. "Wenn  jetzt tatsächlich jeder Radweg evaluiert wird, bevor die Benutzungspflicht aufgehoben wird, kann das Jahre dauern".