Die Kampagne von Stadtopposition und Boulevard gegen den Chef der Wiener Mobilitätsagentur ist heuchlerisch und peinlich. Aber deren Urheber wissen genau was sie tun.

Im Filmklassiker Das Narrenschiff, der im Jahr 1933 angesiedelt ist, unterhält sich Heinz Rühmann, der den Passagier Löwenthal spielt, mit einem nationalsozialistisch gesinnten Fahrgast. Letzterer spricht irgendwann die Worte: "Die Juden sind an allem schuld." Woraufhin Rühmann antwortet: "Genau, die Juden und die Radfahrer." Der Deutsche darauf: "Wieso die Radfahrer?" und Rühmann: "Wieso die Juden?"

An diesen Dialog, der die Absurdität des Sündenbock-Denkens offenlegt, erinnert die aktuelle Debatte rund um Martin Blum, den Chef der Wiener Mobilitätsagentur. Wird doch Blum derzeit ebenfalls beflegelt und als Sündenbock durch den Boulevard-Stadl getrieben.

Blum hatte bekanntlich vor einiger Zeit eine Umfrage zum Radfahren im Winter präsentiert, sich bei einer Hochrechnung zur Zahl der Winterradler allerdings vertan. (Er rechnete die Zahl aus der Umfrage auf die Wiener Gesamtbevölkerung, aber nicht auf die radfahrende Wiener Gesamtbevölkerung hoch. Wofür er sich prompt entschuldigte.) Seither laufen Boulevard-Medien gegen ihn Sturm und schreien Skandal und Rücktritt.

Das Fahrradhaus war im Radjahr 2013 durch die Wiener Bezirke unterwegs. Die Wiener konnten dort diverse Fahrräder ausprobieren und Workshops besuchen. - © M. Bernold
Das Fahrradhaus war im Radjahr 2013 durch die Wiener Bezirke unterwegs. Die Wiener konnten dort diverse Fahrräder ausprobieren und Workshops besuchen. - © M. Bernold

Inwieweit die Angelegenheit um eine falsch kalkulierte Schätzung, an die sich keinerlei negative Auswirkungen für Land und Leute knüpfen, angesichts von Milliarden-Fehlbeträgen im Budget, Milliarden-schweren Bank-Malversationen oder ständigen Schummeleien bei Kfz-Normverbrauchswerten zum Skandal taugt, ist für sich allein eine Diskussion wert. Witzig an der Sache ist jedenfalls, dass die Medien, die sich jetzt besonders echauffieren, jene sind, die es sonst mit Wahrheit und Authentizität nicht ganz so genau nehmen: Allen voran die "Kronenzeitung" etwa, die regelmäßig Bildmonategen anfertig, um Berichte noch knackiger zu gestalten oder die Kriminalstatistik so beugt, dass sich daraus Schlagzeilen über den "dramatischen Anstieg der Raubüberfälle" und "kriminelle Immigranten" dichten lassen. Oder die Tageszeitung "Österreich", die – zufällig immer dann – freundlich über Unternehmen berichtet, wenn diese Inserate schalten. (Alle genannten Beispiele sind sehr schön auf der Medienbeobachtungs-Webseite Kobuk dokumentiert.)

Wie feurig die wahrheitsliebenden Kleinformate jetzt auf den Fahrrad-Beauftragten losbeißen, ist freilich kein Zufall: Blum ist Symbol für eine Wiener Verkehrspolitik, die den Autoverkehr immer häufiger in die Schranken weist. So wie die meisten Stadtverwaltungen in Europa und in vielen Städten Nord- und Lateinamerikas strebt auch die Rot-Grüne Regierung in Wien eine Wende weg vom motorisierten Individualverkehr, hin zu umweltschonenden und menschenfreundlichen Alternativen an. Eine diese Alternativen ist das Fahrrad.

Städte wie Kopenhagen, München, Bozen oder Wien verfolgen einen kombinierten Ansatz: Zum einen wird Fahrrad-Infrastruktur ausgebaut. Zum anderen für das Radfahren als Verkehrsmittel geworben, das Spaß macht, gesund ist und Freude bereitet. Genau diesem Zweck diente auch die Einrichtung der Mobilitätsagentur im Jänner 2013. Diesem Zweck dienen auch die vielen – von Blum während des Radjahres 2013 konzipierten bzw. geförderten Aktionen und Events wie Radkorso, FahrRADhaus oder "Radelt zur Arbeit".

Wo der Stadtopposition Verkehrskonzepte fehlen, kommt ein Sündenbock gerade recht

Als jemand, dessen Auftrag es ist, Appetit auf das Radfahren zu machen, ist Blum die logische Zielscheibe für Gegenkampagnen all jener, die von einer umweltfreundlichen Mobilitätswende nichts wissen wollen oder auf die Wählerstimmen der Autonarren schielen. Die Zahl der Inserate für Automobile in den Printmedien zeigt, wie viel Geld hier im Spiel ist. Und wie viele Mächtige ein Interesse daran haben, fahrradfreundliche Politik zu diskreditieren oder lächerlich zu machen. Wo der Stadtopposition zukunftsweisende Verkehrskonzepte fehlen, kommt ein Rechenfehler während einer Pressekonferenz gerade recht. In klassischer Opfer-Täter-Umkehr wird gegen "Rad-Rambos" und "Radl-Pinocchios" gewettert. Dass die Gefahrenquelle der jährlich rund 50.000 Verletzten und 500 Toten im österreichischen Straßenverkehr motorisierte Kraftfahrzeuge sind, wird in dieser Tatsachenverdrehung ausgeklammert. Stattdessen fabuliert man von "Rad-Rowdies", die angeblich die Mariahilfer Straße zur Todeszone machen.

Für Martin Blum ist es wichtig, sich in dieser Phase nicht entmutigen zu lassen. Ihm sollte freilich bewusst sein, dass jeder kleine Fehler von seiner Seite genutzt wird, um ihm und dem Radfahren eines auszuwischen. Denn – wie jeder Kleinformat-Leser weiß – einer muss ja schuld sein...