Wiens VP kritisiert den am Sonntag veröffentlichten Freitritt-Blog-Eintrag "Die Wahrheit hinter der Hetze gegen Martin Blum": Hier meine Antwort in Form eines offenen Briefes und gleich die Frage an die Leserinnen und Leser: Was meinen Sie dazu?

Offener Brief von Matthias Bernold an Manfred Juraczka

Sehr geehrter Herr Juraczka –

Ich erlaube mir, auf ihre Kritik vom 2. Dezember 2013 einzugehen.

Eingangs in Anführungszeichen Passagen aus Ihrer Presse-Aussendung. Dahinter meine Gedanken dazu.

Presse-Aussendung: "Damit nicht genug, lässt der Verfasser der Sündenbock-Rhetorik auch einen Dialog aus dem Film "Narrenschiff" zwischen Heinz Rühmann und einem Nationalsozialisten vom Stapel, in dem letzterer meint "die Juden wären an allem schuld". Und ergänzt, dass ihn die aktuelle Debatte rund um Martin Blum an diesen Dialog erinnere."

Freitritt: In dem im Freitritt-Blogeintrag zitierten Dialog, den Sie (bewusst?) nur gekürzt wiedergeben, werden explizit auch die Radfahrer erwähnt. Es geht nicht um die Gleichsetzung des Schicksals der Radfahrer mit dem der Juden (was offensichtlich ein makabrer Unsinn wäre). Sondern es geht darum, die Absurdität des Sündenbock-Denkens offenzulegen. Wird die gesamte Stelle gelesen, ist dies auch deutlich erkennbar. Nochmal die Passage aus Freitritt im Wortlaut: "Im Filmklassiker Das Narrenschiff, der im Jahr 1933 angesiedelt ist, unterhält sich Heinz Rühmann, der den Passagier Löwenthal spielt, mit einem nationalsozialistisch gesinnten Fahrgast. Letzterer spricht irgendwann die Worte: "Die Juden sind an allem schuld." Woraufhin Rühmann antwortet: "Genau, die Juden und die Radfahrer." Der Deutsche darauf: "Wieso die Radfahrer?" und Rühmann: "Wieso die Juden?" An diesen Dialog, der die Absurdität des Sündenbock-Denkens offenlegt, erinnert die aktuelle Debatte rund um Martin Blum, den Chef der Wiener Mobilitätsagentur."

Presseaussendung: "Dass berechtigte Kritik an Herrn Blum und seinem Umgang mit Zahlen und Verantwortung mit Nazi-Rhetorik verglichen wird, kann nicht hingenommen werden. Hier ist eine Entschuldigung der Verantwortlichen nötig."

Freitritt: Inwieweit die Kritik an Blum berechtigt ist oder unsachlich und überzogen, genau darum geht es in meinem Kommentar. Offensichtlich sind wir in dieser Frage unterschiedlicher Auffassung.  Blum ist eine Symbolfigur im Ringen um eine Mobilitätswende und eine Fahrrad- und Fußgänger-freundliche Politik, gegen die verschiedene Kräfte in dieser Stadt – darunter oftmals auch die Wiener ÖVP – mobilisieren.

Was die von Ihnen angesprochene Nazi-Rhetorik betrifft: Das ist ein absurder Vorwurf, den ich mit aller Entschiedenheit zurückweise. Wer meinen Kommentar genau liest, wird darin einen Vergleich mit Nazi-Rhetorik nicht vorfinden.

Als Demokrat, als politischer Mensch, als Journalist und nicht zuletzt als jemand, der selbst einen wesentlichen Teil seiner Verwandtschaft in den Vernichtungslagern des NS-Regimes verlor, kann ich Ihnen versichern, dass es mir nicht darum geht, die Gräuel eines Terror-Regimes mit den Manövern der Wiener Stadtpolitik gleich zu setzen. Falls sich dennoch jemand durch meine Worte verletzt fühlt, biete ich ihm ohne Zögern meine Entschuldigung an.

Meine Vermutung ist jedoch, dass es Ihnen in Ihrem Schreiben weniger um Vergangenheitsbewältigung als um meine Kritik an der Wiener Stadtopposition geht: Dass Sie nämlich - wie ich meine -  nicht über zukunftsweisende Mobilitätskonzepte verfügen. Gerne möchte ich Sie bei dieser Gelegenheit einladen, Ihre Sicht der Zukunft der Mobilität dieser Stadt mit mir zu diskutieren. Vielleicht in Form eines Interviews in den nächsten Tagen?

Abschließend: Es muss möglich sein, Medien und Politik anzuhalten, sachlich zu bleiben und sie aufzufordern, persönliche Hetz-Kampagnen zu unterlassen. Ich würde mir von Politikern wie Ihnen wünschen, dass sie nicht auf Emotionen und Emotionalisieren, sondern auf die Kraft der Argumente setzen. Dieses Land braucht keine Sündenböcke. Sondern Sachpolitik.

Mit den besten Grüßen
Matthias Bernold

Hier der Link zum Blog-Eintrag auf Freitritt
Hier der Link zur Presseaussendung von Manfred Juraczka