Wer - so wie ich - Städte gerne hat, die sich am besten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden lassen, der muss an dieser Stadt verzweifeln: Los Angeles, städteplanerisches Ungetüm. Weitläufig, ausgefranst, ohne attraktiven öffentlichen Verkehr. Ein Moloch, der zum Autofahren zwingt. Und zum Sitzen und Warten im Automobil. Spätestens seit 2008, als ich einmal die Stadt mit dem Mietwagen durchqueren musste und vier Stunden im Stau stand, während ich eigentlich eine Geschichte hätte recherchieren und schreiben sollen, ist diese Stadt für mich ein No-Go Area. Als Lebensraum: Völlig undenkbar.

Mit einigem Erstaunen lese ich deshalb seit einiger Zeit Berichte, wonach auch L.A. dem weltweiten Trend folgt und den Autoverkehr zugunsten humanerer Fortbewegungsformen sanft zurückdrängt. Man möchte es nicht für möglich halten: Aber selbst in L.A. erblüht - zart - die Fahrrad-Kultur.

Die örtliche Polizei jedoch weiß mit diesem Trend offenbar wenig anzufangen, berichtet die New York Times in einem Artikel diese Woche. Statt Autoraser oder die vielen sonstigen motorisierten Verkehrssünder zu verfolgen, hat die Behörde offenbar ein ganz anderes Übel im Visier, schreibt New York Times-Autor Adam Nagourney: Jaywalker, also unachtsame Fußgänger, die derzeit in der kalifornischen Metropole mit Strafanzeigen verfolgt werden.

"In a city of seemingly endless highways — with its daily parade of car accidents, frustrating traffic jams and aggressive drivers — the Los Angeles Police Department these days is training its sights on a different road menace: jaywalkers (hier mehr zum  - umstrittenen - Begriff "Jaywalking")", schreibt Nagourney, der das New York Times-Büro in L.A. leitet.

Die aufkeimende Fußgänger-Kultur im Keim ersticken?

In den vergangenen Wochen habe das  Police Department Dutzende Fußgänger mit Strafmandaten bedacht, weil sie Fahrbahnen in Downtown Los Angeles an Stellen gequert hätten, wo das verboten ist. Dies werfe die Frage auf, schreibt Nagourney, ob dieser Offensive vielleicht politische Hintergedanken inne wohnten: "The crackdown is raising questions about whether the authorities are taking sides with the long-dominant automobile here at the very time when a pedestrian culture is taking off, fueled by the burst of new offices, condominiums, hotels and restaurants rising in downtown Los Angeles."

In dem Zeitungsbericht wird der Blogger Brigham Yen zitiert, der in L.A. über Stadtentwicklung schreibt"We have to encourage this, not discourage this. We should let pedestrians in L.A. flourish. We shouldn’t penalize it." Yen ist einer derjenigen, die den Aufschwung in der Innenstadt von Los Angeles dokumentieren. Die Belebung durch Fußgänger, darunter viele Touristen, empfindet die Polizei offenbar als Störung der öffentlichen (Hack-)Ordnung, wonach dem motorisierten Verkehr grundsätzlich der Vorrang einzuräumen ist.

"L.A. needs Jaywalking"

Auch in L.A. hat jedoch ein Umdenken eingesetzt, schreibt die New York Times. "There are an increasing number of people using bicycles, taking advantage of an expanding network of bike lanes. Los Angeles is in the midst of a major expansion of its subway and bus system. Much of the urban planning in recent years, particularly downtown and in Hollywood, is intended to encourage people to give up their cars in favor of public transit, walking or biking."

Nachsatz:
Wer schon einmal durch Chicago oder New York City spaziert ist, weiß, dass die Fußgänger dort grundsätzlich anders mit Rotlicht umgehen als das etwa in österreichischen Städten der Fall ist. Das Ampelsignal wird als eine Art Empfehlung betrachtet: Wenn der Weg frei ist, geht mensch los. Warum sollte er auch warten? Damit sich die Ampel nicht kränkt?

Link zum Bericht in der New York Times