Im deutschen Junius-Verlag ist dieser schöne und umfassende Band zur Technik- und Kulturgeschichte des Fahrrades erschienen. Das Team rund um Herausgeber Mario Bäumer – er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum der Arbeit in Hamburg - nähert sich dem Thema auf vielfältige Art und Weise. Nicht nur geht man an zu den Anfängen dieser Technologie zurück und veranschaulicht die Entwicklung mit zahlreichen Fotografien. Auch unternimmt man den Versuch, zeitgeistige Strömungen und Trends zu beleuchten. So finden sich auf den 214 Seiten Berichte  über Weltreisende ebenso, wie über Fixies, Rikscha-Fahrer und Fahrrad-Kuriere.

Das Buch streicht die soziokulturelle und politische Bedeutung des Fahrrades hervor. Etwa in Oliver Leibrands Beitrag über die "Roten Adler", die Arbeiter Radsportbewegung. "Das Fahrrad wurde für die Arbeiterbewegung zu einem wichtigen gesellschaftspolitischen Mittel, das Klassenbewusstsein stärkte und zur Verbreitung der sozialistischen Idee beitrug", schreibt Leibrand.

Ebenfalls stärkend wirkte das Fahrrad für die Frauenbewegung. Wie Dörte Florack in ihrem Beitrag schreibt, änderte das Radfahren nicht nur die rigiden Kleidungsvorgaben für bürgerliche Frauen zu Endes des 19. Jahrhunderts. Das Radfahren wurde bald zu einem Schauplatz für den Kampf um Gleichberechtigung: "Wie auch immer sie sich kleideten", schreibt Florack: "radelnde Damen setzten sich zahllosen Anfeindungen aus. Sie berichteten von wüsten Beschimpfungen. Damen in Pumphosen trafen auf heftigere Reaktionen als in Röcken, und wenn sie um die Wette fuhren, sprach man ihnen gleich die Weiblichkeit ab."  War das Rad anfangs ein Luxusgut brachte es bald größere Bewegungsfreiheit für immer mehr Menschen. "Die Frauen wurden selbstständiger und unabhängiger, sie konnten sich der ständigen Bevormundung und Aufsicht durch die Familie entziehen."

Zuguterletzt blickt das Buch Richtung Zukunft und stellt sich die Frage, wie sich die Mobilität in den kommenden Jahren und Jahrzehnte wandeln wird. Sozialhistoriker Daniel Frahm zeichnet in seinem Aufsatz eine Vision eines Systems von Car-Sharing statt Eigen-Pkw, von der vermehrten Nutzung des Fahrrades: "Das Verständnis für eine neue und moderne Mobilität, die individuell, umweltbewusst und (zumindest teilweise) besitzlos ist, scheint jedenfalls geweckt. Bleibt nur zu hoffen, dass es sich auch dauerhaft durchsetzt."

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