Fußgängerzone am Times Square, Fahrrad-Spuren statt Parkplätze in Manhattan, Queens und Brooklyn, ein Leihradsystem mit 6.000 Citybikes: New York City befindet sich im rasanten Mobilitätswandel. Im Jahr 2014 wurde die Metropole vom US-amerikanischen Bicycle Magazin noch vor Portland und Minneapolis zur US-Fahrrad-Stadt Nummer Eins gewählt. Ken Podzibar, der Direktor von Bike New York, einer der größten Fahrrad-Organisationen in der Stadt erklärt im "Wiener Zeitung"-Interview, wie das geschehen konnte. Das Interview fand vergangene Woche in Manhattans Upper Westside im Büro der NGO statt.

"Wiener Zeitung": Was war der Auslöser für die neue Mobilitätspolitik in New York City?

Ken Podziba: Die Politik hat sich im Jahr 2003 zu ändern begonnen, als Janette Sadik-Khan zur Kommissarin für Verkehr ernannt wurde. Sie glaubt wirklich an das Radfahren, an Fahrrad-Infrastruktur, und sie versteht, dass eine Stadt mit einem Einzugsgebiet von fast 19 Millionen Menschen Alternativen zum motorisierten Individualverkehr braucht. Radfahren ist ideal: Die Stadt ist relative flach und dicht besiedelt. Natürlich gab es trotzdem sehr viel Gegenwind. Aber Sadik-Khans Vision hat sich letztlich durchgesetzt. Viele haben ja anfangs gemeint, New York könne niemals eine Fahrrad-Stadt werden. In New York war der Tipping Point wahrscheinlich das Leihradsystem. Das hat Radfahren auf eine völlig neue Ebene gehoben.

Radfahren ist nicht erst gestern erfunden worden. Dennoch setzen Stadtverwaltung weltweit erst jetzt so richtig auf die mobile Wende. Warum gerade jetzt?

Ich denke, die Gesellschaft hat sich für das Radfahren geöffnet. Immer mehr Menschen erkennen die Vorteile einer grünen Mobilität. Junge Leute fahren heute gerne Rad. Sie brauchen kein Auto mehr als Statussymbol. Die Stadtverwaltungen erkennen das an und – weil sie in Wettbewerb mit anderen Städten um die klügsten Köpfe stehen –, machen sie das Radfahren attraktiver. Viele Unternehmen haben das ebenfalls verstanden: Sie stellen Radabstellanlagen bereit und bewerben das Radfahren aktiv im Unternehmen. Auch aus Eigennutz: weil ihre Mitarbeiter dann seltener krank sind. Radfahren ist heute hip. Das war etwa Anfang der 1990er-Jahre noch nicht so. Da war einer, der mit dem Rad in die Arbeit gekommen ist, ein komischen Kauz. Heute ist Radfahren die Norm und jeder respektiert das.