Eine Woche lang war ich für das Forschungsprojekt Bikealyze, das von Salzburg Research zusammen mit der Universität Salzburg und den Wiener Verkehrsplanungsbüros Factum und PlanSinn sowie dem EDV-Dienstleister Prisma durchgeführt wird, mit dem Fahrrad unterwegs. Alle meine Wege wurden dabei aufgezeichnet. Obendrein war ich mit einer Helmkamera ausgestattet, um die Fahrt auch videografisch festzuhalten. Einen Bericht über das Projekt habe ich für die Printausgabe der "Wiener Zeitung" verfasst. Hier noch einmal meine acht persönlichen Lektionen aus dem Projekt.

1. Lebensnahe Datenerfassung

Die erste Studie, die Naturalistic Cycling Data sammelt, forscht unter möglichst realitätsnahen Bedingungen, wie sich Radfahrende im Straßenverkehr verhalten und auf welche Schwierigkeiten sie stoßen. Das ist ein sehr guter Ansatz, der es Planern eines fernen Tages ermöglichen wird, Radinfrastruktur so zu entwerfen, dass sie auf die Notwendigkeiten und Bedürfnisse zugeschnitten ist.

2. Einfache Handhabung

Für die Versuchspersonen ist die Anwendung denkbar einfach. Handy an der Halterung am Lenker fixieren. App starten. Helmkamera aufdrehen. Los geht's.

3. Fahren mit Helm

Für mich gewöhnungsbedürftig: Das Fahren mit Helm in der Stadt. Normalerweise setze ich das Ding nur für Ausfahrten mit dem Rennrad auf. In der Stadt finde ich den Helm umständlich und mühsam. Ein Teil mehr, das man überall hin mitnehmen muss. Um die Kamera zu befestigen, war es aber in dieser Studie vorgeschrieben. Eine Befestigung am Lenker ließen die Studienmacher nicht zu, weil sie auch mitverfolgen wollten, wohin der Fahrer seinen Blick richtet.

4. Mehr Sicherheit durch Kamera?

Ich war eine Woche lang in Wien unterwegs und legte ihm Schnitte zwischen fünf und zehn Kilometer zurück. Vielleicht etwas weniger als normaler Weise. Was mir auffiel: In diesem Zeitraum kam es zu weniger negativen Erfahrungen mit Autolenkern als sonst. Kann Zufall sein. Kann an den kürzeren Fahrten liegen. Vielleicht schreckt aber auch die Helmkamera besonders aggressive Autolenker ab? Hat jemand Erfahrungen dazu?

5. Lernen wir etwas Neues?

Spannend wird sein, was die Studie Neues zu Tage fördert. Ziel ist ja unter anderem, Schwachstellen der Infrastruktur ausfindig zu machen. Eine dieser Stellen, die sich im Test in Wien als besonders mangelhaft erwiesen, war etwa  der Schwarzenbergplatz. Jetzt ist es nun aber nicht gerade so, dass das davor nicht bekannt gewesen wäre. Eigentlich braucht man nur in die Community hineinzuhören, um auf die Defizite zu stoßen.

6. Teil der Planung

Die Erhebung von Naturalistic Cycling Data könnte "irgendwann zum Standard für jede Art der Verkehrsplanung werden und Fehlplanungen damit verhindern", hofft Studienleiter Sven Leitinger. Das wäre tatsächlich eine lohnende Anwendung dieser Technologie.

7. Mobile Eye Tracking

Speziell auch das in einer kleinen Test-Gruppe angewendete Mobile-Eye-Tracking verspricht tolle Möglichkeiten, zu überprüfen, wohin Radfahrer ihre Aufmerksamkeit richten, wenn sie komplexe Verkehrssituationen vor sich haben. (Wenn man die Verkehrssicherheit erhöhen will, sollte man übrigens auch Lkw-Fahrer in so ein Test-System aufnehmen, die regelmäßig Radfahrer an Kreuzungen übersehen...)

8. Fazit und Sorge

Bei allen vielversprechenden Möglichkeiten, die diese Methode bietet. Ich unterstelle jetzt einmal, dass es nicht mangelndes Wissen ist, das zu suboptimalen Verkehrslösungen und Radinfrastruktur führt, sondern mangelnde politische Durchsetzungskraft. Wir haben – auch in Wien – zahlreiche Beispiele dafür, wie hervorragende Infrastruktur aussieht. Leider aber auch das Gegenteil.