In den vergangenen Tagen kamen mir auf Facebook immer wieder Fotos von der berührenden Skulptur, die einen kleinen Buben zeigt, unter. Das Kunstwerk der Bildhauerin Flor Kent steht am Westbahnhof und erinnert an die Kindertransporte (und wurde wahrscheinlich auch deshalb rund um die Großdemonstration gegen die amtierende ÖVP-FPÖ-Regierung am vergangenen Samstag, die vom Westbahnhof startete, oft fotografiert). Mit den Kindertransporten konnten an die 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland (und dem heutigen Österreich), der damaligen Tschechoslowakei und Polen gerettet werden. Zwischen 1938 und 1939 traten sie mit dem Zug ihre Reise in Richtung England an – und überlebten. Es war ein Überleben mit gemischten Gefühlen. Dazu kann Milli Segal viele Geschichten erzählen.

Die Skulptur am Westbahnhof geht auf ihre Initiative zurück. Vor vier Jahren eröffnete sie aber auch in privaten Räumlichkeiten in Wien-Landstraße das Museum "Für das Kind". Darin waren bis Jänner dieses Jahres zu sehen: Fotos von Objekten, die 23 der geretteten Kinder mit in die unbestimmte Zukunft nahmen, drapiert in den kleinen Köfferchen, die man erlaubte, mitzunehmen. Was sich in diesen befinden durfte, war strikt vorgegeben. Den Mädchen und Buben Schmuck- und Wertgegenstände mitzugeben war ebenso verboten wie ihnen Geld, Musikinstrumente oder Kameras einzupacken. Was also nahmen die Kinder mit? Neben Kleidung waren es das eine oder andere Buch, Spielsachen, Alltagsgegenstände. Kuratiert wurde die Schau von Rosie Potter und Patricia Ayre.

Museum in der Urania

Seit vergangener Woche hat das Museum "Für das Kind" eine neue Heimat in der Urania gefunden, wo die Objekte nun für unbestimmte Zeit zu sehen sein werden. Die Bilder der Köfferchen hängen jetzt im Stiegenaufgang zwischen erstem und zweitem Stock, Schautafeln informieren über die Kindertransporte. An die 3.000 Menschen besuchten zwischen 2014 und 2018 die Schau in der Radetzkystraße, darunter auch viele Schulklassen, so Segal. Sie freut sich, dass mit dem neuen Ort nun auch viele Menschen mit dem Thema in Berührung kommen, die bisher vielleicht noch nichts darüber gehört haben. Die Objekte können Montag bis Freitag zwischen neun und 20 Uhr bei freiem Eintritt besichtigt werden. Wer Interesse an einer Führung hat, kann Segal direkt kontaktieren (das gilt auch für Besuche der Schau an Wochenenden und Feiertagen – info@millisegal.at ).

Seit vielen Jahren setzt sie sich nun schon mit dem Thema Kindertransporte auseinander. Sie hat einige der damaligen Kinder persönlich getroffen und weiß über die sehr gemischten Gefühle vieler Überlebender zu berichten. Da war das schlechte Gewissen, selbst überlebt zu haben, wenn schließlich klar wurde, dass die Eltern ermordet worden waren. Da waren verzweifelte Versuche vor allem der Jugendlichen, für ihre Eltern Arbeit in Großbritannien zu finden und sie so zu retten – es waren vergebliche Bemühungen und am Ende blieb das Gefühl, versagt zu haben. Da waren die Kinder, die nach dem Krieg zu ihren Eltern, die überlebt hatten, zurückkehren konnten. Doch die schweren Jahre hatten auf allen Seiten zu Entfremdung geführt. Kinder waren in die Ferne geschickt worden, zurück kamen Jugendliche, die in der Zwischenzeit viel erlebt hatten. Manche hatten sehr nette Adoptiveltern gefunden, während ihre Mütter und/oder Väter in Konzentrationslagern um ihr Leben kämpften, überlebten, aber nie wieder die wurden, die sie vor dem NS-Terror waren. Andere wurden in England nicht gut behandelt, wieder andere konnten ihren Eltern nicht verzeihen, einfach weggeschickt worden zu sein.

Prise Hoffnung

Was unterm Strich aber zählt: Das Überleben. "Es war viel Traurigkeit", sagt Segal, "aber sie haben überlebt, haben Familien gegründet, selbst Kinder bekommen". Ausstellungen über die NS-Zeit zeigen oder zeichnen meist Schreckensbilder, denn das machte das NS-Regime zu einem Gutteil aus: Tod und Vernichtung. "Für das Kind" zeigt eine kleine Prise Hoffnung in einer Zeit der Düsternis. "Für das Kind" zeigt aber auch, was doch durch mutige und engagierte Retter und Retterinnen erreicht werden kann, auch wenn die Lage hoffnungslos erscheint. Und die Ausstellung zeigt nicht zuletzt, dass es in England viele Familien gab, die sich bereit erklärten, ein von den Nationalsozialisten verfolgtes Kind bei sich aufzunehmen. Denn die Rettungsaktion war das eine, ohne die Hilfe der britischen Frauen, Männer, Familien – heute würde man sagen: Zivilgesellschaft – hätten die Kinder eine noch viel schwerere Zukunft gehabt.

Und bei all den Verschärfungen, die von Regierungsseite aktuell Tag für Tag in Richtung Asylwerber und Asylwerberinnen und dabei vor allem in Richtung Minderjähriger angekündigt werden: Eines macht auch heute Hoffnung. Viele der Menschen in Österreich, die 2015 sagten, ich möchte etwas tun, ich möchte helfen, die sind auch heute noch dabei. Es mag sich nicht mehr wie in der Anfangszeit in vielen Medienberichten niederschlagen. Aber es gibt sie immer noch, die Helfer und Helferinnen. Zwischen ihnen und ihren Schützlingen haben sich Freundschaften entwickelt. Sie stehen hinter ihren Schützlingen, sie schauen hin und schlagen Alarm, wenn Dinge passieren, die nicht passieren dürfen, wie zuletzt im Fall der Unterkunft in Drasenhofen mit Hundebewachung und Stacheldraht.

Kinder und Jugendliche, die flüchten mussten, tragen – vor allem, wenn sie alleine, ohne ihre Familien aufgebrochen sind – ein schweres emotionales Gepäck mit sich herum. Vielleicht haben sie gesehen, wie man ihre Eltern ermordet hat. Vielleicht fällt ihnen die Trennung von ihren noch lebenden Eltern schwer. Vielleicht mussten sie auf der Flucht schlimme Erfahrungen machen – von körperlicher Gewalt bis zu sexuellem Missbrauch. Flucht und Trauma sind eng miteinander verbunden. Doch es gibt zu wenige Psychotherapieplätze und die Asylverfahren dauern teils lange. So ist es schwer, sich ins neue Leben zu stürzen, eine Ausbildung zu machen, zu arbeiten zu beginnen. Jeder, der sich hier eines solchen geflüchteten Jugendlichen annimmt, kann ihm Halt geben, ihn ein bisschen an der Hand nehmen und somit vielleicht auch verhindern, dass die Traurigkeit, aber auch die Wut überhand nimmt und sich am Ende gegen sich selbst oder gegen andere richtet.

Menschlichkeit wirkt, damals wie heute.